Aufsatz 
Zu Sidonius' Carmina / von Paul Mohr
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

In den folgenden Versen nennt er ohne jede chronologische Ordnung eine Reihe lateinischer Schriftsteller, den Vergil, Cicero, Livius, Sallust, Varro, Plautus, Quintilian und Tacitus. Aber mitten darunter, zwischen Cicero und Livius, lesen wir:

sine fine locutus fabro progenitus, spreto cui patre polita eloquiis plus lingua fuit.

Das kann nun, wie Grégoire und Collombet ganz richtig bemerken*), nur auf Demosthenes gedeutet werden, und doch haben weder sie noch irgend ein anderer Herausgeber an dieser sonderbaren Zusammenstellung Anstoss genommen. Die Worte gehören unzweifelhaft, wenn sie richtig über- liefert sind, nicht hierher; das beweist schon der Mangel an jeder grammatischen Verbindung, während alle anderen Glieder relativisch angeknüpft sind. Auffallend ist auch der Umstand, dass der Dichter, wenn er den Namen nicht nennen wollte, nicht wenigstens, wie in einem Theil der Beispiele, den Geburtsort anführte. Scheiden wir die anstössige Stelle ohne Weiteres aus, so schliessen sich die beiden Halbverse: Arpinas dat consul opem und rel quicquid in aevum auf das Beste einander an. Es würde sich nur fragen: ist dieses Einschiebsel eine blosse Interpolation oder der Rest eines grösseren, verloren gegangenen Abschnittes? Für letztere Ansicht könnte die ganz der Eigenthümlichkeit des Sidonius angemessene Ausdrucksweise sprechen. Carm. XXIII, 142 sq. heisst es von Demosthenes:

qui fabro genitore procreatus oris maluit eæpolire limam.

Cf. ep. II, 11 oris tui limam frequentium studiorum cotibus erpolitam; ep. IV, S si quid incus metrica produxerit, non minus forti et asprata lima poliri. Die Verbindung sine fine ist bei Sidonius nach dem Vorgang des Ovid eine sehr beliebte. Cf. carm. V, 522; IX, 264; XVI, 89 u. ö. Auch die fast wörtliche Wiederholung desselben Gedankens ist durchaus nicht auffallend. Cf. M. Fertig, Progr. v. Passau 1848, p. 18 und Purgold a. a. O. p. 4 u. ö. Die Worte sine fine locutus ferner liessen sich auch auf Arpinas zurückbeziehen. Cf. ep. V, 5 postque desudatam varicosi Arpinatis opulentiam loquacitatemque, wo übrigens letzteres Wort nicht etwa als ein Tadel auf- gefasst werden darf. Cf. ep. V, 13 nec oratorum princeps Mareus Arpinas nec poetarum Publius Mantuanus. Endlich könnte man es befremdend finden, dass aus der griechischen Literatur nur Philosophen, nicht auch andere Schriftsteller erwähnt sind. Aber eben so gut lässt sich dieser Schluss umkehren, indem man folgert: weil Jemand den sonst häufig, z. B. ep. VIII, 1. 2, mit dem Cicero zusammengestellten Demosthenes vermisste, deshalb interpolirte er mit Benutzung jener beiden Stellen(carm. XXIII, 142 und ep. V, 5) diese Worte. Mag man nun die eine oder die andere Auffassung gut heissen, jedenfalls wären sie nicht am Platz, also auszuschliessen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma steht uns allerdings noch offen: die Vermuthung, dass wir eine Textesverderbniss vor uns haben. Unmittelbar vorher heisst es: Mantua quas acies pelagique pericula lusit Smyrnaeas imitata tubas. Will man eine Parallele zu den letzten Worten herstellen, so liegt die Conjectur nahe: sine fine secutus fabro progenitum, die alle Schwierigkeiten, auch die anstössige Wiederholung von loquendi und locutus am Schlusse zweier aufeinanderfolgender Verse, mit einem Schlage beseitigt. Der leicht begreifliche Schreibfehler locutus für secutus hatte die Veränderung des Accusativs in den Nominativ zur Folge. Zur Erklärung des quamcumque

*) Vor ihnen schon Baptista Pius und Savaro.