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Aber auch nicht viel mehr als das. Man wird wenigen gewählteren Wendungen begegnen, die sich nicht bei genauerem Zusehen als Reminiscenzen herausstellen; nur die Zuthat, die witzelnde, in Alliterationen, Wortspielen, Antithesen oft der frostigsten Art sich gefallende Aus- führung ist echt. Dass ihm zuweilen dies sein glänzendes Gedächtniss einen bösen Streich spielte, indem es Verwirrungen anrichtete, ist begreiflich. Ein treffendes Beispiel bringt Purgold a. a. O. p. 113 sq. aus carm. XV, 175*) bei, wo in den vers rapportés Mnemosyne durch missverständliche Auffassung des Ovid, Metam. VI, 114 mit Persephone verwechselt wird. Auch carm. XXII, 81 sq.: hic(oder mit B hinc) et crinisatas iungebat Pegasus alas, portans doctiloquo facundum erure Creontem
könnte hierher gezogen werden. Doch macht namentlich der zweite Vers weit eher den Eindruck einer schweren Textesverderbniss. Heinsius' Vorschläge zur Heilung derselben(zu Ov. Metam. V, 195) heben die Schwierigkeiten nicht; die Herausgeber hüllen sich in Schweigen und auch Purgold (p. 87) geht nicht weiter auf die Einzelheiten ein. Ich nehme Anstoss an portaus doctiloou crure und begreife nicht, wer unter dem facundus Creon zu verstehen ist, zumal im Gefolge des Apollo; bei den crinisatae alae, wenn anders die Lesart richtig ist, hatte der Dichter vielleicht Ov. Fast. III, 450 sqd. im Auge, legte aber der Stelle einen verkehrten Sinn unter.
Ich gehe jetzt dazu über, der Reihenfolge der Gedichte nach einzelne der Verbesserung oder Erklärung bedürftige oder sonstwie beachtenswerthe Stellen zu besprechen.
Carm. II, 50 schreibt Savaro in der ed. II, 1609:
ae Supplice vultu flectit Achaemenius lunatum Persa tiaram.
Alle anderen Ausgaben, die ich in Händen habe(die Mediolanensis a. 1498, die von Sirmond 1614, 1652 und max. bibl. patr. tom. VI, Lugd. 1677, die Lugdun. a. 1552, die Basil. a. 1542, die von Grégoire und Collombet und die Baret’sche) haben supplice cultu, desgleichen die von mir verglichenen Handschriften; auch merkt weder Savaro selbst noch Baret eine Variante zu dieser Stelle an. Die Wendung supplice zultu wird von den späteren Dichtern mehrfach gebraucht. Cf. Lucan. VII, 709 adspice securus vultu non supplice reges; Claudian. XXI, 212 supplice vultu captivoque. Doch scheint mir die gewöhnliche Lesart gerade wegen des Contrastes von suppler und cultus(„königlicher Prunk, Pracht“) die bessere zu sein. Aehnliche Verbindungen sind Claudian. VIII, 47 purpura suppler, Sidon. VII, 228 supplice censu.
Carm. II, 186 sqq. Sidonius schildert hier, indem er sich an ähnliche Darstellungen des Claudian anlehnt, die Jugenderziehung des Anthemius und verweilt länger bei seiner umfassenden, wissenschaftlichen Bildung, wobei er, wie das seine Art ist, die Gelegenheit benutzt, seine eigene Gelehrsamkeit in das rechte Licht zu stellen. Nachdem er zunächst alle die Philosophen aufgezählt hat, in deren Studium angeblich der junge Anthemius vertieft war, fährt er v. 182 fort:
praeterea quicquid Latiaribus indere libris prisca detas studuit, totum percurrere suetus.
*) Die Stelle verdient auch insofern Beachtung, als allein hier bei Sidonius die äussere Nothwendigkeit vor- liegt, eine Form Mnemosynam anzunehmen. Die gewöhnliche Accusativendung bei diesen griechischen Wörtern ist-en und diese finden wir auch etwa zwanzigmal in B; nur ein paarmal ist-em überliefert, das zu beseitigen ist. Carm. IX, 217 schreibt Chatelain nach einigen Handschriften Parthenopam, desgleichen carm. XV, 161 Penelopam. Cod. Bern. 285 saec. XI— XII(E) hat noch carm. VI, 30 Calliopam, B carm. VII, 588 Libgam(die Ausgaben Libyen).


