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des eigenthümlichen, mosaikartig aus Archaismen, klassischen Reminiscenzen und Vulgarismen zusammengesetzten Sprachgebrauches des Sidonius gewonnen ist.
Um unseren Schriftsteller nach seinem Werth als Dichter richtig zu beurtheilen, bedarf es einer eingehenden Vergleichung seiner poetischen Erzeugnisse mit denen der Augusteischen, noch mehr aber der späteren Zeit. Sidonius hat viel gelesen; das geht weniger aus der gelegent- lichen Aufzählung von Dichtern oder den meist sehr wenig besagenden Beiwörtern hervor, durch die er sie kurz zu charakterisiren versucht, als aus unzweideutigen Nachahmungen. In erster Linie war sein Vorbild Claudian— der aber merkwürdiger Weise nirgends genannt, nur an einer Stelle(carm. IX, 275 sdd.) dunkel angedeutet wird— und zwar gilt dies nicht nur für die Verwendung von Phrasen, Wortspielen, Bildern, sondern im ausgedehntesten Masse auch für die ganze Einkleidung und Composition der Gedichte*); in zweiter Statius(nicht umgekehrt, wie Baret in seiner Introduction p. 95 meint, da die augenscheinlichen Entlehnungen aus Ersterem wohl doppelt so zahlreich sind). Dann folgen in absteigender Reihe etwa Ovid, Vergil, Martial, Lucan, Juvenal, Ausonius, Valerius Flaccus; nicht selten sind die Anklänge an Horaz, kaum nachweisbar dagegen solche an Catull, Properz, Tibull, Silius Italicus und Andere. Aus Persius, dessen carm. IX, 264(non Persi rigor aut lepos Properti) Erwähnung gethan wird, ist vielleicht das eigenthümliche Motiv der den Cyniker am Bart zupfenden Lais entlehnt, das Sidonius carm. XV, 182 sdd. in seiner bekannten Manier, doch nicht allzu glücklich, weiter ausmalt (Pers. sat. I, 133 si Chnico barbam petulans w, vellat). Cf. K. Purgold, Archäologische Bemerkungen zu Claudian und Sidonius, Gotha 1878, p. 114 sd.— Seinerseits wiederum wird Sidonius nachgeahmt, ja bisweilen mehrere Verse hindurch fast wörtlich ausgeschrieben von Ennodius, ohne dass zufällig die Kritik für Ersteren daraus irgend welchen Gewinn ziehen könnte.**)
Dass übrigens diese ganze Frage mit grosser Vorsicht zu behandeln ist, versteht sich von selbst. Gesetzt, es unterläge wirklich an einer bestimmten Stelle die Benutzung eines älteren Schriftstellers keinem Zweifel, so wäre es sehr verkehrt, Uniformität herstellen zu wollen. Um nur ein weniger complicirtes Beispiel anzuführen, so hatte Sidonius carm. XXII, 33 dalce natant oculi gewiss Statius Theb. IX, 702 dalce nitent visus oder Claudian carm. XXXI, 41***) Tulce micant oculi vor Augen, wahlte aber ebendeshalb absichtlich einen anderen, synoymen Ausdruck, den in gleicher, bildlicher Bedeutung wieder schon Vergil(Georg. IV, 496), Ovid(Fast. VI, 673 vinis oculique animique natabant; Metam. V, 71), dann Lucan(II, 26) und Silius(II, 122) ange- wendet haben. Auch bei Sidonius selbst lesen wir carm. XIX, 4 per stagnum nostrum lumina vestra natant. Andererseits ist man gern geneigt, im Aufspüren von Nachahmungen zu weit zu gehen, während doch der Stoff an sich, der metrische Zwang und selbst der Zufall oft die Ursache einer mehr oder minder augenfälligen Uebereinstimmung im Ausdruck sein musste und konnte. Mag man nun aber noch so vorsichtig Alles ausscheiden, wofür die Quelle nicht unmittelbar und sicher festzustellen ist, so bleibt immer eine solche Anzahl evidenter Nachahmungen früherer Dichter bestehen, dass man des Sidonius nur zu gutes Gedächtniss wahrlich anstaunen muss.
*) Die Aufzählung von Parallelstellen des Sidonius in der Ausgabe des Claudian von L. Jeep(vol. II. Lips. 1879, p. LVII— LXXVI) ist ziemlich vollständig.
**) Bemerkenswerth ist die fast wörtliche Entlehnung einer der witzigeren Antithesen des Sidomims, carm. VII, 44 ignotum plus notus, Nile, per ortum durch Alcimus Avitus, poem. I, 263(max. bibl. patr. tom. IX) Nilus— egnd⸗ plus nobilis ortu. Einige andere Parallelstellen führt Savaro an.
*r) Ich behalte der Kürze halber die Zahlen der Gesner'schen Ausgabe(Lips. 1759) bei.


