Aufsatz 
Zu Sidonius' Carmina / von Paul Mohr
Entstehung
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metrica p. 308 übersehene Beispiel dieser bei den älteren Dichtern nicht seltenen Art des Hiatus, das ich bei Sidonius gefunden habe. Auch der Wolfenbüttler cod. sign. 486 saec. XIII(B) bestätigt diese Lesart, während die meisten Ausgaben(auch Savaro) das unverständliche nisi nihil esse bieten. Aber Baret bemerkt zu dieser Stelle nichts, ebensowenig zu carm. XXIII, 137 Smyrnaeae vice doctus officinae, wo gewöhnlich metrisch falsch Smyrnaeae incude gelesen wird (B Smirneae cute scheint darauf hinzudeuten, wie incude, das Sidonius gern bildlich in ähnlichen Verbindungen anwendet, entstanden ist) oder zu carm. XXII, 55 sqd. odoros mittitur in newus gegenüber der Vulgate(so auch in B) odoris mittitur innerus. Die geringe Ausbeute an sicheren Emendationen ist natürlich nicht allein Baret zuzumessen, obwohl bei richtigerer Benutzung der Hilfsmittel sicherlich bessere Resultate erzielt worden wären, sondern auch ein Beweis dafür, dass einem grossen Theil dieser Verderbnisse mit den Handschriften überhaupt nicht beizukommen sein wird, dass sie vielmehr nur durch Conjectur zu heilen sind. Man darf vermuthen, dass auch die umfassenden Collationen Chatelains dieRevue de philol. III, 3, p. 154 160 enthält ein Verzeichniss der 16 seiner Ansicht nach wichtigsten Codices nicht allzuviele dieser tiefer sitzenden Fehler direct beseitigen werden.

In der Einleitung bringt Baret ausser einer Etude sur Sidoine Apollinaire et sur la- société gallo-romaine au cinquieème siècle(p. 1 106), die, namentlich in der treffenden Beurtheilung des Sidonius als Schriftstellers, noch das Beste an seinem Buche ist, eine Reihe von Beobachtungen über den Sprachgebrauch unseres Autors, unter denen sich manches Richtige, aber für uns nach den beiden Programmen Kretschmanns(Memel 1870 und 1872) wenig Neues findet. Dazu gilt auch hierfür wieder dasselbe, was für die kritischen Noten. Es sind zu zerstreute, zusammen- hangslose Einzelheiten, als dass sich uns daraus ein einigermassen klares Bild der sprachlichen Besonderheiten des Sidonius ergäbe. Auch laufen mehrfach Versehen mit unter, die auf Mangel an kritischem Sinn zurückzuführen sind, so bei den angeblichen Genetivformen Danae*), die Chatelain mit Recht verwirft, und Calupso(carm. IX, 159.**) Am meisten Tadel verdient aber, dass Baret nicht zwischen den Neuerungen, die nachweislich in der Sprache des Sidonius zuerst auftauchen, und dem unterscheidet, was er nur von älteren Schriftstellern übernommen hat.

Noch dürftiger sind die Notizen über metrische und prosodische Eigenthümlichkeiten. Dass der Hiatus carm. VII, 232 nil sine te gessit, cum plurima tu sine illo als unerhört zu ent- fernen, keinenfalls aber durch Analogieen aus Vergil zu entschuldigen ist, erkannte schon L. Müller a. a. O. p. 306, der überhaupt dieses ganze Gebiet so gründlich durchforscht hat, dass wenig nachzutragen bleibt. Die richtige Lesart giebt B. Cf. Progr. von Sondersh. p. 4 sq.

Doch ich will hier nicht noch ausführlicher auf alle Mängel der neuen Ausgabe eingehen; schon die angeführten, denen sich mit leichter Mühe noch zahlreiche andere zugesellen liessen, dürften zur Genüge darthun, dass mit ihr für die Kritik wenig, weniger noch für die Feststellung

*) An beiden Stellen, wo wir dieser Form begegnen, carm. XV, 177 und XXIII, 183, hat auch B Dane. Das spricht allerdings für Danaaxe, doch scheint es mir immerhin auffallend, dass Sidonius ohne äussere Nöthigung gerade bei diesem einzigen Wort von der gewöhnlichen Endung in-es abgewichen ist. Sonst finden sich bei ihm Terpsichores, Diones, Hippocrenes, Syrtes(carm. IX, 342; XII, 2; XVI, 91; XXIII, 207). Sicherlich nicht richtig ist carm. IX, 41 Hellis undas, eine Abnormität, die Baret gar nicht erwähnt. Es ist Helles zu lesen. Die Verkürzung der Endung ist bei Sidonius nicht ohne Analogieen. Cf. Luc. Müller de re metrica pp. 340. 342. 343.

**) Neue, Formenl. d. lat. Spr. I, p. 309 führt zwar einige entsprechende Formen an, doch erscheinen mir die von Chatelain beigebrachten Gründe ausschlaggebend für Calypsus.