Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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heimische Verfasser der Shakespeare-Dramen sich eine ganze Reihe der aller- gewöhnlichsten geographischen, geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Schnitzer bzw. Anachronismen zu schulden kommen lässt, die uns bei einem solf- made mäau wie Shakespeare durchaus nicht befremden dürfen. ë⁰²? Und doch verkünden sie mit Stolz, das Bacon, nach Ben Jonsons Angabe, alle seine Schriften mit der grössten Sorgfalt feilte und manche derselben bis zu 12 mal abschreiben liess, che er sie dem Drucke übergab.

Aber alle diese und viele andere Einwände gegen Bacons Autorschaft an Shakespeares Werken erscheinen, bei aller Wichtigkeit im einzelnen, doch nur als Argumente zweiten Ranges gegenüber denjenigen, die wir aus zwei scheinbar

völlig verschiedenen Seiten Bacons, der Persönlichkeit und den Werken des grossen Philosophen schöpfen.

b. Zurückweisung Bacons auf Grund seines Charakters.

In seiner klaren und tief in den Gegenstand eindringenden Weise hat K. Fischer im 1. Kapitel seiner für unsere Frage äusserst wichtigen SchriftFranz Baco von Verulam(s. Anm. 1 u. 6.), da wo er dessen moralischen und wissenschaft- lichen Charakter zergliedert, unter Hinweis auf den entschiedenen Gegensatz in der Beurteilung desselben durch seinen Biographen Montagu und dessen Kritiker Macaulay, auch für Baconnach dem Einklang gesucht,in welchem jeder bedeu- tende Charakter mit sich steht.(S. 6). Zwar räumt auch er ohne weiteres ein, dassdie Vorwürfe, welche das Leben Bacos verdient(von denen wir weiter unten zu sprechen haben), nicht blos menschliche Schwächen und Irrtümer, sondern unwürdige Gesinnungen und bürgerliche Verbrechen waren(S. 7). Er will ihn auch nicht verteidigen gegen diese unzweifelhaft bewiesenen sittlichen Mängel. Dann führt er aber in scharfsinniger Weise aus, wie ein Vergleich von Bacons moralischer Disposition mit seinem wissenschaftlichen Charakter keinen räthselhaſten Widerspruch, sondern eine natürliche Analogie zeigt.Nur dass dieselben Züge seiner Wissenschaft zu gute kamen, die seinem Leben nachteilig und gefährlich wurden.(S. 25.) Diesen Gedanken entwickelt er dann ausführlich in jenem in vieler Beziehung lehrreichen Kapitel, das sich liest wie eine Illustration zu dem bekannten Buffonschen Satze: Le style cest Lhommeëés Aus diesen Betrachtungen könnten die Vertreter der Bacon-Theorie vor allem das eine lernen, dass jene Eigenschaften wohl einen grossen Philosophen, einen weitschauenden Staatsmann, einen fesselnden und vielbewunderten Redner aus Bacon machen konnten, aber nimmermehr einen in die Tiefen der menschlichen Seele dringenden Schilderer aller dieselbe bewegenden Leidenschaften. Wer es für möglich hält, dass ein Mann von der kühlen, leidenschaftslosen Natur eines Bacon, die weder wahrhaft lieben noch gründlich hassen konnte, das hohe Lied der Liebe in Romeo und juliet, die furchtbaren Wirkungen der Eifersucht im Othello, die herzzerreissenden Toône des Hasses in King Lear habe darstellen