Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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Dramen zu bekennen. Denn erstens habe es damals für einen Mann in Bacons Stellung nicht geziemend gegolten, für das öffentliche, das Volks-Theater zu dichten; zweitens hatte er durch das EingestÄndnis dieser Thatigkeit zur Zeit der Elisabeth in seinem Fortkommen, ja in seiner persônlichen Freiheit geschädigt werden können, da in den Dramen freiheitliche Bestrebungen und Wüͤnsche zum Ausdruck kommen; drittens hatte er dadurch seiner strengglaubigen und daher die Schaubühne ver- dammenden Mutter schweren Kummer verursachen müssen. Dagegen ist wiederum zu bemerken: Ad 1: Diese Missachtung galt wohl dem Stande der Schauspieler, aber nicht dem der Schauspieldichter; ad 2: Elisabeth starb bereits 1603, und dann fiel diese Befürchtung für den Günstling Jakobs I. weg, der ja selbst ein Freund der Dichtkunst war; ad 3: Bacons Mutter starb bereits 1610, der sie um 16 Jahre überlebende Soln hatte also Zeit genug, sich für den Dichter der Dramen zu erklären, zum mindesten bei der Veranstaltung der grossen Folio von 1623 und zuletzt in seinem Testamente. Was hatte ihn auch hindern sollen, im letzteren, wo er für die Verbreitung seiner Schriften die grösste Sorgfalt an den Tag legt,s auch Werke von der Bedeutung der Shakespeareschen Dramen für sich zu reklamieren, wenn er überhaupt ein Anrecht anf dieselben gehabt hätte? Aber davon findet sich in diesem Testamente auch nicht die leiseste Andeutung. Ausser- dem widerlegen alle jene vermeintlichen Erklärungen seiner Anonymität(bezw. Pseudonymitàt) nicht den Einwand gegen seine Verfasserschaft der übrigen Ge- dichte, bes. der Sonette, die ihm doch auch von den strengen Baconianern zuge- sprochen werden, zumal er sich zu einem solchen von recht mittelmässiger Kunst- fertigkeit bekannt hat.¹*

II. Der Einwand, es sei unmöglich, dass das Geheimnis von dem Anspruch des grossen Staatsmannes auf die als Shakespeares Eigentum geltenden Dramen von so vielen nicht zu umgehenden Mitwissern so gut hâtte gewahrt werden können, dass bis heute noch kein handschriftliches oder gedrucktes Zeugnis eines derselben aufzufinden gewesen, soll widerlegt sein durch die Behauptung, dass alle in das Geheimnis Eingeweihten(wie vor allem Ben Jonson, der Freund Shakespeares) von Bacon abhängig gewesen seien. Das aber widerspricht auch wenn man diesem Argument an sich Glauben zu schenken vermöchte doch mindestens Ben Jonsons bekannten Ausserungen über Shakespeare, densüssen Schwan vom Avon, trotz aller Versuche einer Umdeutung derselben. 5⁹

Ferner trifft der weitere, von den Baconianern gegen Shakespeares Autor- schaft ins Feld geführte Einwand des Mangels an Zeit zur Abfassung einer so grossen Zahl Dramen von vollendeter Meisterschaft wegen starker anderweitiger Beschäftigung zwar für den Verfasser vielbändiger philosophischer Werke, den vielbeschäftigten Rechtsgelehrten, den Rat und später ersten Diener der Krone in vollstem Masse zu, scheint ihnen aber für Bacon einer Widerlegung nicht zu bedürfen. 6 Ebensowenig hat man sich auf Seiten der Baconianer zu einer aus- reichenden Erklärung des höchst merkwürdigen Widerspruchs veranlasst gesehen, dass der nach ihrer Überzeugung hochgelehrte, in allen Zweigen des Wissens