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ist: sie werden vor der Macht der Thatsachen die Waffen strecken müssen. Schlagen wir daher bei der Würdigung der sogen. Bacon-Theorie, die notwendig zu einer Abwehr derselben führen muss, einen von dem bisher allgemein beliebten abweichenden Weg ein und versuchen wir, den— von der Gegenseite wider alles Recht erwarteten— Beweis zu liefern, dass Bacon unmôglich der Ver- fasser der Shakespeareschen Dramen sein kann. Wenn erst dieser Nachweis geführt ist, dann bedarf es nur noch einer unbefangenen Betrachtung der durch fast drei Jahrhunderte gefestigten Ueberlieferung von den Schicksalen des wahren Verfassers in Verbindung mit den— trotz aller gegenteiligen Behauptungen— unzweifelhaft feststehenden Zeugnissen der Zeitgenossen, um erneute Angriffe auf Shakespeares Dichtungen jederzeit zurückweisen zu können. Zwar dürfen wir durch- aus nicht hoffen, dieses Ziel bis zu dem Grade zu erreichen, dass sich die Gegen- partei für überwunden erklärt, denn eine Belehrung der Baconianer par sang ist wohl auch heute noch ebenso aussichtslos als zur Zeit, da Schipper seinen Zweifel in dieser Hinsicht aussprach. Indem wir uns daher mit dem Versuche begnügen, nicht sowohl den Gegner zu bekämpfen, als den unparteiischen Zuschauer des Kampfes zu belehren, damit er sich in diesem Ringen um deale, die ihm am Herzen liegen, wenigstens ein klares Bild von der Verteilung von Recht und Un- recht machen könne, so darf doch die Hoffnung der für den echten Dichter Ein- tretenden dahin gehen, manchen, der, durch die Behauptungen der Gegner geblendet, in seiner früher sicheren Ansicht schwankend geworden, im Glauben an den Genius Shakespeares zu stützen und zu befestigen.
l. Zurückweisung der Ansprüche Bacons auf Shakespeares Dramen.
a. Widerlegung einzelner Behauptungen zu Gunsten Bacons.
Das Alpha und Omega der Baconianer lautet: Da Shakespeare die bisher seinen Namen tragenden Werke nicht verfasst haben könne, da dieselben aber offenbar zwischen 1590 und 1620 entstanden seien, so müsse ein Zeitgenosse des vermeintlichen Dichters der Verfasser sein. Unter allen Zeitgenossen sei aber nur einer zu entdecken, dem eine solche Leistung zuzutrauen wäre, d. i. der Staats- mann und Philosoph Francis Bacon(1561— 1626), bekannt als der Begründer des modernen Realismus in der Philosophie, sowie als berühmter Rechtsgelehrter und Parlamentarier unter Elisabeth, späterhin Grossiegelbewahrer, endlich Lord-Kanzler der vereinigten Reiche England und Schottland unter Jakob dem Ersten. 57 Die gegen diese Theorie vorgebrachten Einwände werden durch folgende Argumente zurückzuweisen gesucht.
I. Dass sowohl in Bacons Werken als auch in dem seine Schriften ausdrücklich benennenden Testamente keine Spur eines Hinweises auf bis zu seinem Tode nicht bekannte poetische Werke zu finden sei, suchen die Baconianer damit zu erklären, dass er sich gescheut habe, sich als Verfasser von


