Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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dieserliterarischen Krankheit doch wohl nicht erleben werden. Denn aus eben den Kreisen, an die sich letzterer vorzugsweise gewendet hatte, sollte der Bacon- Theorie fünf Jahre nach den genannten Gegenschriften ein neuer, nach seiner eigenen und seiner Anhanger Meinung den Feinden furchtbarer Vorkämpfer erstehen, der die Bacon-Theorie zu neuen Siegen führen zu können wähnte. So méchte es allerdings leicht auch dem auf der Oberfläche seiner Ausführungen verweilenden Leser beim Durchblättern des im Jahre 1894 erschienenen, über 300 Seiten und viele illustrierte Beigaben enthaltenden Buches bedünken, dessen Verfasser das Shakespeare- Geheimnis(s. o. Anm. 4) völlig enthüllt zu haben vorgab. Was der vorher nur als sächsischer Dialektdichter bekannte Edwin Bormann in jahrelangen Studien aus seinem Bacon herausgelesen, das hat er in diesem Bande niedergelegt, und damit glaubte er, unbeirrt durch die klaren und unwiderleglichen Ausführungen der Mrs. Stopes u. a., die Person des Dichters Shakespeare nun für alle Zeiten aus der Litteraturgeschichte entfernt zu haben. Die nächste Folge dieser That war, dass die Diskussion der Bacon-Frage nun auch in Deutschland auf die Tagesordnung trat, um bis jetzt noch nicht wieder zu verschwinden. Wir sind deshalb genötigt, uns in Kürze auch noch mit dieser Schrift zu befassen, deren im Jahre 1895 er- schienene FortsetzungenDer Anekdotenschat⸗ Bacon-Shakespeares undNeue Shakespeare Enthüllungen nach Erledigung des zuerst erschienenen Buches nur noch der Vollständigkeit wegen zu erwähnen sind.

Die Darstellung Bormanns will weniger in ihrem Inhalte als in ihrer Methode Neues bieten. Er selbst giebt als den Unterschied seiner Methode von denen seiner Vorgänger, welche die Frage der Verfasserschaft der Dramen er örtert haben, an, dass diese nurEinzelbeweise geben und versuchen, aus einem Mosaik nebeneinandergestellter Gedanken lediglich den Beweis der Verfasserschaft zu führen. Seine Untersuchung gehe dagegen von Einzelthatsachen aus, aber sie schreitezum Vergleiche ganzer Werke mit ganzen Werken, ganzer Gattungen der Dicht- kunst mit ganzen Gattungen der Wissenschaſt weiter und gelange so zu dem Endergeb- nisse eines allgemeinen Zusammenhanges zwischen Dichtung und Wissenschaft, und damitzur Lösung der Frage nach der Verfasserschaft der Dramen.s Indem er dabei die von den Shakespeare-Gegnern aufgeworfenen Zweifel an der Autorschaft Shakespeares ohne weitere Untersuchung als berechtigt annimmt, geht er unmittel- bar zur Erörterung der positiven Seite der Frage über. Insofern er hierbei aber

im Gegensatze zu der früheren Theorie, den bis dahin nur von Holmes u. a. angedeuteten Versuch einer streng wissenschaftlichen Begründung derselben an der Hand einer Gegenüberstellung von Werken beider Autoren also auf bedeutend

erweiterter Grundlage macht, geht er über das bisher Geleistete hinaus¹² und verdient durchaus die vielfache Beachtung, die seine Darlegungen gefunden haben. Allerdings besteht diese Beachtung in der bei weitem grösseren Mehrzahl der durch sein Buch hervorgerufenen Schriften 5o in völliger Zurückweisung seiner Aus- führungen unter entschiedener Anerkennung des auf dieselben verwendeten wissen- schaftlichen Ernstes. So ist es von vornherein abzuweisen, wenn er im Eingange