Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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Kreise allgemein gebildeter Leser die Shakspere-Bacon-Frage in gewandter und anziehender Weise mundgerecht gemacht hat. Aber darin lag auch die Gefahr, dass gar mancher Leser des Vitzthum'schen Buchesnicht doch durch die inneren Widersprüche desselben stutzig werden und dass so der Bacon-Theorie auch bei uns Anhäanger verschafft würden. Dass dies nicht ausbleiben konnte, ist selbst- verständlich trotz der grossen Unwahrscheinlichkeiten, an denen besonders diese Schrift reich ist. Unternimmt es doch Vitzthum nicht nur, mit Donnelly seinem Abgott Bacon auch die Verfasserschaft von Marlowe's Dramen zuzuschreiben, sondern in dieser Richtung noch weit über ihn hinausgehend, bringt er es fertig, in einer Reihe anderer zeitgenössischer Dichternamenblosse Masken odernoms de plume zu erkennen.¹* Als einen solchennom de plume bezeichnet er nun auch den Namen des Dichters in der herkömmlichen OrthographieShakespeare, während er dem Schauspieler nur das Anrecht auf denShakspere zugesteht. So gelangt er zu dem Satze, den wir gleich im Beginn der Vorrede finden:Shakespeare und Shakspere waren zwei Individuen, die Nichts, nicht einmal den Namen mit einander gemein hatten. Unter dem ersteren ist für ihn dann unzweifelhaft der verkappte Poet Francis Bacon zu verstehen(S. Anm. 44), derconsequent, nur mit seltenen, auf Kosten des Setzers kommenden Abweichungen in allen auf uns gekommenen Druckschriften als William Shakespeare oder Shake-spearet erscheine. Der Verfasser dieser Schrift übersieht dabei vollständig, dass seine Darlegung auf dem Grundirrtum fast aller Vertreter der Bacon-Theorie beruht, welche die ver- schiedene Schreibung des Namens Shakespeare ins Feld führen; hatte er sich die klaren Ausführungen Elze's,(bes. im Anhang l seinesShakespeare S. 617626) angesehen, so wàâre wohl mindestens dieser Teil seiner Ausführungen ganz unter- blieben. ¹⁶

Nach den Donnelly'schen Enthüllungen und dem Vitzthumschen Versuche der Einbürgerung der Bacon-Theorie in Deutschland scheinen die Anhanger der- selben auf beiden Hemisphären für einige Zeit den Gegnern das Wort gelassen zu haben; wenigstens erscheint in den nächsten 5 Jahren seit 1888 keine Bacon- schrift von einiger Bedeutung. Dagegen brachte das Jahr 1889 die drei unserer Betrachtung über die Entwicklung des Baconismus bis zu dieser Epoche im wesent- lichen zu grunde liegenden Schriften von Wülkerund Schipper, sowie das vor- treffliche Buch der Mrs. C. Stopes, durch das die gelehrte Verfasserin den Willen und die Kraft bekundete, all das Schlimme, das dem Shakespeare'schen Genius seitens ihres Geschlechts angethan worden war, wieder gut zu machen¹*. Nun schien es fast, als sollte der erste der Genannten mit seiner Hoffnung Recht behalten, wenigstens für das deutsche Publikum,dass durch dieses(Schippers) Schriftchen nun auch die Kreise der gebildeten Leser in Deutschland endlich aufgeklärt werden, auf welch schwacher Grundlage die ganze Bacon-Theorie ruht und wieviele Unglaublichkeiten, Widersprüche, wieviel Verdrehungen der Thatsachen dazu ge- hören, um dieselbe aufzubauen. Doch es war nur ein schöner Wahn! Die rauhe Wirklichkeit rechfertigte viel eher die Befürchtung Schippers, dass wir das Ende