Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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seines Buches die Einteilung der Poesie durch Bacon in erzählende, dramatische und parabolische dahin auslegt, dass Bacon,nothwendig als die höchste Gattung aller Poesie diejenige anerkennen müsse, die beides, parabolisch und dramatisch zu- gleich ist, und zwar deshalb, weil er die parabolische Poesie über die nicht parabolische stelle.HÖöchste Poesie wäre demnach die dramatisch-parabolische Poesie, jene Poesie, die in verhüllter Form die Geheimnisse der Wissenschaft dem Zuschauer als gegenwärtig vor die Augen führt. (S.6.) Aber selbst wer soviel Mut besitzt, diesen zum mindestengewagten Sprung in der Auslegung klarer Worte? mitzumachen, braucht noch lange nicht mit Bormanns weiteren Darlegungen einverstanden zu sein. Da es nämlich für ihn von vornherein fest- stand, dass Bacon die Shakespeare'schen Dramen verfasst haben könne, 80 liefert i hm eine Gegenüberstellung einiger Dramen mit einigen philosophischen Schriften Bacons bei einer meist recht weit hergeholten, oft zufalligen Ubereinstim mung?* von Einzel- heiten den unwiderleglichen Beweis, dass Bacon der Verfasser der Dramen sein müsse. Diese Dramen sind dann nach seiner Ansicht nichts anderes, als die Illustrationen zu den in den philosophischen Schriften niedergelegten Lehren und verhalten sich zu diesen, wie er dies besonders von der Moral der Tragödien in ihrem Verhäaltniss zu der Ethik Bacons in einem Abschnitte ausführt,wie die Praxis zur Theorie.5s Es gehort jedenfalls eine mehr als Baconische Ansicht von dem Wesen der Poesie(S. u.) und eine merkwürdige Verkennung des unendlich grossen Abstandes zwischen dem, was man dengöttlichen Wahnsinn in den Shakespeareschen Dramengenannt hatund der rein prosaischen Rhetorik des in Bacons Werken herrschenden Stiles dazu, um zu solchen Ergebnissen zu kommen, wie sie uns Bormann als neue Stütze der von Vergessenheit bedrohten Bacon-Theorie vor- führt. Gewiss verdienen auf der einen Seite sowohl seine Geschicklichkeit in der Verwertung seines Materials als auch sein ernstes Bestreben einer wissenschaftlichen Begründung der von ihm verfochtenen Lehre Anerkennung; aber andererseits er- scheint die vöôllige Verkennung des in den Dramen Shakespeares niedergelegten Reichtums an echter Poesie unerklärlich, die es ihm ermöglicht, letztere zu einer Magd der Philosophie Bacons zu erniedrigen(s. Anm. 57). Bekanntlich hat Kuno Fischer nach dem Erscheinen des Bormann'schen Buches den ihm von der Shake- speare-Gesellschaft gebotenen Anlass zur 6ffentlichen Klarstellung seiner Ansicht über das Verhältnis der beiden Geistesheroen benutzt, die auf Grund seiner früheren Gegenüberstellung beider? von seiten der Baconianer 5s zu gunsten ihres Helden ausgebeutet worden war. Das Buch, welches zu diesem Irrtum Anlass gab, war zu einer Zeit erschienen, als noch niemand eine Ahnung von der Möglichkeit einer Bacon-Theorie hatte vielleicht mit Ausnahme der Begründerin derselben. Für jeden vorurteilsfreien Leser aber kann auch nicht der leiseste Zweifel be- stehen, dass der Verfasser jener klaren und grundlegenden Schrifft gerade in den- jenigen Ansichten Bacons, auf welche Bormann seine Ausführungen aufbaut, den diametralen Gegensatz zwischen dem Philosophen und dem gottbegnadeten Dichter erkennt.Es giebt, sagt dort Fischer(S. 169 fg.)für Bacon keine lyrische