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der Verfasser— der Shakespeare-Dramen aus. Mag nun der letztere auch die erste Veröffentlichung seiner transatlantischen Kollegin(in Putnam's Monthly, January 1856) gekannt haben und durch dieselbe zu seiner Behauptung und deren weiterer Ausführung'* angeregt worden sein oder nicht: schon hier scheiden sich die Wege zwischen der reinen Bacontheorie von Smith— der allerdings Shake- speares Anrecht auf die Sonette zugiebt— und der sogenannten Junta-(Misch-) Theorie, als der Ansicht derjenigen, die, im Anschluss an die Ausführungen der amerikanischen Shakespeare-Gegnerin, in den Dramen eine gemeinsame Arbeit mehrerer Verfasser— nach Delia Bacon wäre dies in erster Linie ihr berühmter Namensverwandter und Sir Walter Raleigh— erkennen wollen**. Auch der Gedanke, dass in den Dramen eine auf den wahren Verfasser hindeutende Geheimschrift zu finden sein müsse, begegnet uns zuerst in dem im Jahre 1857 erschienenen dick- leibigen Buche der Miss Bacon, dessen breite und unklare Schreibweise, verbunden mit merkwürdigen Einfallen selbst Freunden der Verfasserin und ihrer Theorie Bedenken einflésste; was jedoch nicht verhinderte, dass diese und ähnliche abenteuer- liche Ideen bis in unsere Zeit hinein immer wieder Vertreter und Gläubige fanden.
II. Uebersicht über die wichtigsten Schriften zu gunsten der Bacon-Theorie.
Im weiteren Verlaufe der nun für England und Amerika akut gewordenen Streitfrage entwickelt sich dieselbe bald zum Baconismus strengster Observanz, neben dem hie und da auftauchende Spielarten nur ein kümmerliches Dasein fristen, ohne doch bis auf den heutigen Tag ganz auszusterben. Es ist als Beweis der Ent- wicklungsfähigkeit des einmal in die litterarische Welt beider Hemisphären einge- drungenen Keimes interessantzu beobachten, nach wie vielen verschiedenen Richtungen seit dem Auftauchen der Zweifel an Shakespeares Anspruch auf seine Werke die Phantasie der gläubigen Zweifler ausartete. Die thatsächlich„welterschütternde“ Entdeckung der amerikanischen Lehrerin, die nicht lange nachher(i. J. 1859) in Geistesumnachtung ²o starb, hat nach mehreren Seiten hin Schule gemacht. Wahrend einerseits der reine Baconismus üppig fortwucherte, sprossen daneben Auswüchse hervor, wie die Raleigh-Theorie des Australiers Caldwell, der dasselbe von dem geistvollen Seemann und Schriftsteller Walter Raleigh— nach Delia Bacon einem Mitarbeiter an den Shakespearischen Werken— unwiderleglich bewiesen zu haben glaubte, was das Dogma der Baconianer von ihrem Abgott behauptet. Auch die Annahme Delia Bacons von der Vereinigung mehrerer Autoren zur Herstellung der Werke Shakespeares— übrigens der einzige brauchbare Gedanke der ganzen Theorie— wurde zu Ende der 80er Jahre von dem mit Unrecht als Baconianer verschrieenen amerikanischen Advokaten Appleton Morgan ²¹ aufge- nommen und in mehreren, im Jahre 1881 in einem Buche zusammengefassten, Ab- handlungen ohne Hinweis auf bestimmte Namen ausführlich erörtert. Ihn vereinigt mit den Baconianern im wesentlichen nur die negative Seite der Frage, der Zweifel
an Shakespeares Verfasserschaft, doch lässt er ihn wenigstens die ihm— in seiner 2


