Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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Eigenschaft als Schauspieldirektor von verschiedenen Seiten zugekommenen Dichtungen bühnengerecht verarbeiten. Erselbst nennt seine Anschauungthe New Theory im Gegensatze zu derjenigen Delia Bacons(s. o. S. 9.) und der der strengen Baconianer der Unitary-Theory, waährend thatsächlich seine Hypothese nur als eine Weiterbildung der ersteren gelten kann. ²² Aber gerade ihn, den vor- sichtigsten Antishakespeareaner, dessenShakespeare-Mythus(1889) als das wichtigste der gegen Shakespeares Autorschaft erschienenen Werke anerkannt worden ist, sSollte weniger Jahre nachher das Schicksal ereilen, das die treffliche Mrs. Stopes in liebenswürdiger Weise für ihn erhoffte zu einer Zeit, als diese ihre Hoffnung, ihn zu dem Glauben seiner Väter zurückkehren zu sehen, schon ihrer Erfüllung nahe war. In der Vorrede zu seinem zweiten, im Jahre 1888 erschienenen Buche, ²* einer Sammlung von 10 Aufsâtzen über Shakespeare und Bacon, liess sich nämlich Morgan zu einem teilweisen Widerruf seiner früher geâusserten Ansichten, besonders über die Persönlichkeit Shakespeares herbei, von dem er nunmehr zugesteht, dass erdoch ein Mann von grossem Geiste und weltumfassendem(oceanic) Genie ge- wesen sei; auch bekennt erim Laufe der Zeit und des Studiums recht viele der in seinem Shakespeare-Mythus niedergelegten Ansichten geändert zu haben. Auf einem ähnlichen Standpunkt wie Morgan in seiner ersten Schrift steht auch Wigston, ²* der unter Bezugnahme auf Bacons Beziehungen zum Geheimbunde der Rosenkreuzer sowie seinerNew Atlantis die Dramen für das Produkt einergelehrten Gesellschaft erklärt, dieVon einem göttlichen Geiste zu einem System dramatisierter Philosophie vereinigt, sich bemüht, die Natur in der dramatischen Kunst darzustellen und einem anderen Zeitalter die geheime Kunde ihrer Gesellschaft zu überliefern. jener göttliche Geist war natürlich Bacon. In einer spater erschienenen Schrift?s führte er seine Ansicht von der dramatisierten Naturphilosophie weiter aus und wurde so der intellektuelle Urheber des allerneuesten Erzeugnisses auf diesem Gebiete, des Bormann'schen Shakespeare-Geheimniss. Doch ehe wir uns der in dieser Schrift zu ihrer höchsten Blüte entfaltetenreinen Bacon-Theorie zuwenden dürfen, ist es der Vollstandigkeit halber nétig, noch auf einige durch die letztere hervorgerufene Hypothesen hinzuweisen, die fast den Eindruck einer Parodie derselben machen. So ist, durch das Vorschieben Bacons veranlasst, bereits eine Anti-Bacon- Theorie aufgestellt worden, die das von den Baconianern behauptete Verhältnis Zwischen den beiden Zeitgenossen geradezu auf den Kopf stellt. Es ist darin sogar von zwei kurz hinter einander in London auftauchenden William Shakespeare die Rede, der erste Philosoph und Dichter, der zweite Schauspieler und Schauspiel- direktor; die philosophischen Arbeiten des ersteren habe Bacon unter seinem eigenen Namen, dessen dramatische Werke unter dem des Shakespeare Nr. II herausgegeben ²6. Ganz neu war auch diese erstaunliche Idee nicht, die, ohne es zu wollen, die ganze Theorie ad absurdum führte; vielmehr war ein ähnlicher Ge- danke schon kurz vorher geâussert?: und dabei auch offenbar ironisch die Möglichkeit ausgesprochen worden,dass es wirklich König Jakob der Erste