Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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I. Darlegung der Bacon-Theorie. I. Was heisst und wie entstand die Bacon-Theorie?

In der aus Anlass des Bormann'schen Buches entstandenen Schrift K. Fischers Shakespeare und die Bacon-Mythen findet sich(S. 70) folgende Stelle:Dass der Verfasser dieser(Bacons) Werke ein Gott war, ist das erste Phantom; dass »William Shakespeare ein unwissendes und schlechtes Subject war, ist das zweite; dass Bacon ein allwissender Philosoph und ein allmächtiger Dichter war, ist das dritte; die Summe dieser drei Phantome heisstBacon-Theorie. Diese zutreffende Charakteristik enthebt uns leider nicht der Notwendigkeit, auf die Frage nach dem Wesen der Bacon-Theorie eingehend zu antworten. Denn nicht von vornherein, noch auch im ganzen Verlaufe der Entwicklung dessen, was man heute unter der BezeichnungBacon-Theorie zusammenfasst, kann von einer solchen im eigentlichen Sinne die Rede sein, sondern nur insofern als die Baconianer strengster Observanz zur Zeit den Sieg über verwandte Spielarten der Shakespeare-Gegnerschaft davon getragen haben. Es ist leicht begreiflich, dass man beim ersten Auftauchen des Zweifels an dem Anspruche Shakespeare's auf die unter seinem Namen bekannten Werke ¹⁵⁴ nieht sofort mit der Nennung eines bestimmten Autors bei der Hand war. Vielmehr liess dieser Fortschritt noch ziemlich lange auf sich warten, denn seit dem Auftreten jener Zweifel,ο war bereits ein volles Decennium verflossen, als um die Mitte der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts fast gleichzeitig in England und Amerika der Name Bacons als der des angeblich wahren Verfassers auftauchte. Es ist ja nach dem in der Einleitung Ausgeführten einigermassen erklärlich, dass man bei einer Umschau nach demrichtigen Shakespeare gleich auf den neben ihm berühmtesten seiner Zeitgenossen verfiel. Aber die Erfinder dieser Idee haben doch, so leicht sie es sich bei der Auswahl des Namens machten, sich dadurch die Aufgabe der Begründung ihrer Wahl bedeutend erschwert. So ist es denn auch zu verstehen, warum nicht die ganze Schar der Shakespeare-Zweifler ohne weiteres zu den Bacon-Bekennern gezählt werden darf, dass vielmehr diereinen Baconianer wohlunter der Gesamtheit der Antishakespeareaner eine gesonderte und zwar heutigen Tages die herrschende Stellung einnehmen, dass aber vor und neben der eigent- lichen Bacon-Theorie auch andere Meinungen ihre Vertreter fanden. Hat doch bereits im Jahre 1852 ein anonymer Zweifler in einem AufsatzeWho wrote Shakespeare? in Chambers's Edinburgh Journal die Ansicht ausgesprochen,dass der geschicht- liche Shakspere irgend einen reichbegabten, halb verhungerten Dichter aufgefunden hätte; diesen hätte er vor dem Hungertode bewahrt, dagegen dessen Werke unter seinem Namen aufführen lassen und veröffentlicht. Wie dieser Dichter geheissen habe, giebt der Verfasser nicht an.? Dieser wohl erste misslungene Versuch einer positiven Lösung der aufgeworfenen Frage zog bald andere nach sich, doch ohne weiteren Erfolg, als dass die Sache in Fluss erhalten wurde. Erst im Jahre 1856 sprachen fast gleichzeitig die Amerikanerin Miss Delia Bacon und der Engläander W. H. Smith den Namen Bacons öffentlich als den des Verfassers bezw. eines