Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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sionen uber die sogenannte Shakspere-Bacon-Frage, die an einen Vertreter der englischen Philologie heutigen Tages auf Schritt und Tritt herantreten, einiger- massen ausweichen zu können, teils in der Hoffnung, der grossen Menge von allgemein Gebildeten, welche durch das immerwährende Gerede ja doch auf die Sache aufmerksam werden müssen und, da sie meist ohne näâhere Kenntnis der literarischen Hilfsmittel sind, in ihren bis herigen unbefangenen und gesunden Anschauungen irre gemacht werden könnten, einen Dienst zu erweisen.

Die vorliegende Abhandlung ist durchaus von dem hier hervorge- hobenen Gesichtspunkte aus unternommen worden. Was Schipper vor nunmehr 7 Jahren als eine Notwendigkeit erkannte, der er sich im Interesse der guten Sache, wenn auch widerwillig, fügte, das ist es heute noch mehr als damals, trotz der vortrefflichen Leistung jenes Gelehrten und vieler Gleichstrebenden. Denn seine von Resignation erfüllte Voraussagung, dass es auch ihm nicht gelingen werde,die wirklichen Baconianer von ihrem Wahne zu heilen, ist leider im vollen Umfange Wahrheit geworden. Im Gegenteil, die Auf- gabe, dem gebildeten Publikum die Möglichkeit zu einer Orientirung über diese fortschreitendelitterarische Krankheit zu verschaffen, erscheint heute, nach der Veröffentlichung einesDas Shakespeare-Geheimniss betitelten Buches von E. Bormann(1894) dringender als zuvor. Zwar hat die viel erörterte Frage durch dasselbe keine neue Beleuchtung erfahren; allein der Verfasser jenes Buches hat es verstanden, auf der Grundlage eines umfangreichen, zum Teil wissenschaftlichen Beweismaterials dieselbe mit solcher Energie wieder in den Vordergrund der litte- rarischen Tagesfragen zu rücken, dass selbst weniger leichtgläubige Gemüter, als die geschworenen Shakespeare-Gegner es sind, irre geführt werden könnten, ohne die nôtige Stütze von der Gegenseite. Allerdings ist auch in dieser Richtung be- reits vieles und verdienstliches geschehen(vgl. Anm. 50); und es ist sogar dem Bormannschen Vorstosse zu danken, dass, die Gefahr erkennend, sich neue Vor- kämpfer in nicht geringer Zahl zu den früheren gesellt haben. Mit dem ganzen Aufwande wissenschaftlicher Sachkenntnis ausgerüstet, haben dieselben die Unhaltbarkeit der Bacon-Theorie trotz Bormann und seiner Mannen nachgewiesen, die weder durch die Gegenüberstellung der verführerischsten UÜbereinstimmungen in Wort oder Bild, noch durch die scheinbar unwiderleglichen Entdeckungen von Geheimschriften zu einer Thatsache werden kann. Dass zwar auch durch das besonnene und sachgemässe Vorgehen dieser erlesensten Schar von wissenschaft- lichen Vorkâmpfern kein wesentlich besseres Ergebnis gegenüber den eifrigen Anti- shakespeareanern zu erzielen sein wird, dessen sind sie sich gewiss alle ebenso bewusst, wie sich Schipper früher darüber klar war. Aber heute gilt es, wie schon früher betont wurde, nicht so sehr, den Gegner zu überzeugen, als der grossen Menge der Gebildeten die Hilfsmittel zu einer sachgemässen Beurteilung der Frage zu bieten. In diesem Sinne wollen auch die nachstehenden Ausführungen auf- genommen sein.