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griechischer Dichter und Künstler in ihren Absichten und Wirkungen zu verstehen und an ihnen die Gesetze künstlerischen Schaffens zu erfassen gelehrt. Mit der schneidigen Watffe seines überlegenen Verstandes hat Lessing den Kampf aufgenommen gegen alles einge- bildete Wissen, alle Torheit und Unnatur, die ihn umgaben. Nicht kleinliche Beweggründe leiteten ihn bei diesem Kampfe. Was er allein suchte, war die Wahrheit, das rastlose Suchen und Ringen nach der Wahrheit war die treibende Kraft seines Wesens und Wirkens. „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewendet hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen, denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine wachsende Vollkommenheit besteht“. Dieser heiſse, selbstverleugnende Wahrheitstrieb, das unablässige Trachten nach möglichst vielseitiger Ausbildung, nach der Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit, sie sollen ein Vorbild sein für die nach höheren Zielen strebende Jugend.
Alles ernste, aufrichtige Suchen und Forschen nach der Wahrheit führt zu Gott, führt zu dem, der die Wahrheit und das Leben ist. In dem Namen des Höchsten wollen wir unsere Arbeit an der neuen Stätte beginnen. Möge seine Gnade walten über diesem Hause und über allen, die darin ein- und ausgehen. Möge er Lehrenden und Lernenden die rechte Kraft und die rechte Freudigkeit verleihen. Möge er unser Werk mit gutem Gelingen segnen zu seines Namens Ehre.“
Nachdem der Direktor geendet, erhob sich Herr Dr. Caquer, der Vorsitzende des engeren Ausschusses zur Ausschmückung des Lessinggymnasiums, um als künstlerische Spende von alten Schülern und Gönnern der Anstalt den aus zahlreichen Nachbildungen der bedeutendsten Kunstwerke alter und neuer Zeit bestehenden Wandschmuck darzu- bringen, der an dem Einweihungstage bereits die Flure, das Treppenhaus, die Klassen- und Lehrzimmer zierte. Er übergab die Sammlung dem Direktor mit folgenden Worten:
„Hochgeehrter Herr Direktor! Die alten Schüler und die Freunde des Lessing- gymnasiums wollten diese Weihe des neuen Hauses nicht vorüber gehen lassen, ohne daſs sie ihrer Verehrung und Dankbarkeit Ausdruck gäben für die Lehranstalt, in der sie selbst oder ihre Söhne den Grund zu ihrer Bildung legten.
Angeregt durch einen Vortrag des Herrn Gymnasial-Oberlehrers Paul Anke!l, traten sie in diesem Frühjahr zusammen und wählten einen engeren Ausschuſs, der die Mittel aufbringen sollte zu künstlerischem Wandschmuck der neuerbauten Räume. Dank der Freigebigkeit und dem Kunstsinn der Frankfurter Bürgerschaft und vieler auswärtiger Verehrer des Lessinggymnasiums fHlossen die Gaben reichlich. Wir erreichten schnell unser Ziel und wir waren sogar in der Lage, einen kleinen Grundstock für den weiteren Ausbau dieser eigenartigen und vorläufig einzig dastehenden und hoffentlich für andere Anstalten vorbildlich wirkenden Schmückung einer Schule zu stiften. Beim Eintritt in das Haus stand schon heute der bildliche und plastische Schmuck vor unser aller Augen. Treue An- hänglichkeit an die Bildungsstätte unserer Jugend leitete die Stifter der Spende. Einführung der Schüler in die Kunst, Erweckung ihrer Schaulust und ihres Verständnisses für die Schöpfungen groſser Künstler der Vergangenheit und Gegenwart ist der Zweck unserer bescheidenen Gabe! Die Auswahl von beinahe 150 Nachbildungen der bedeutendsten Kunst- werke aus den verschiedensten Zeitepochen verdanken wir Herrn Ankels Geschmack, der


