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die Gegenwart und ihre Aufgaben. Es ist das Zeitalter des Verkehrs, der Naturwissen- schaften und der Technik, in dem wir stehen, und die gewaltigen Fortschritte, die darin gemacht sind, das Aufblühen von Handel und Industrie haben in besonderem Maſse mit- gewirkt zum Emporkommen unseres Volkes und bilden eine Hauptstütze seiner Machtstellung. Somit dürfen auch diese hervorstechendsten Seiten in dem Leben der Gegenwart dem Schüler des Gymnasiums nicht fremdbleiben. Insbesondere kommt es auch darauf an, in dem natur- wissenschaftlichen Unterricht sein Beobachtungsvermôgen auszubilden und ihm Interesse und Verständnis für die Naturgesetze und die Verwendung der Naturkräfte im Dienste des Menschen einzufloſsen. Wir fühlen uns darum den städtischen Behörden zu lebhaftem Danke verpflichtet, daſs sie uns auch bei dieser Gelegenheit wieder reichliche Mittel gewährt haben für die Erganzung und Vermehrung unserer naturwissenschaftlichen Sammlungen. Je weniger Zeit und Kraft das Gymnasium diesen wichtigen Unterrichtsfächern widmen kann, um so dringender ist es zu-wünschen, daſs die unentbehrlichen Lehrmittel in möglichster Güte und Vollständigkeit zur Verfügung stehen.
Die Standbilder zweier groſser Männer, hochgeehrte Festversammlung, schmücken die Giehelseite dieses Gebäaude und legen gewissermaſsen Zeugnis ab von dem Geiste, dem darin eine Pflegstäâtte bereitet sein soll, die Standbilder Melanchthons und Lessings. Melanchthon, der Vorkäampfer jener groſsen Bewegung, die im Zeitalter der Reformation durch die Wiedererschlieſsung der verschütteten Quellen des Altertums Wissenschaft und Künste zu neuem Leben erweckte und damit der gesamten geistigen Entwicklung unseres Volkes neue Bahnen wies, er ist es ja auch gewesen, der die deutsche Schule auf den Grundlagen aufbaute, auf denen sie jetzt noch steht, der vor allem den höheren Schulen die Gestalt gab. die in den Hauptzügen bis zum heutigen Tage sich erhalten hat. Das deutsche Gymnasium hat ein Anrecht darauf, Melanchthon als seinen Begründer zu ehren. Für uns Frankfurter kommt noch eine besondere Pflicht der Dankbarkeit hinzu. Wie Melanchthon zu einer durchgreifenden Neugestaltung des gesamten Schulwesens den Anstoſs gegeben und bei der Einrichtung einer ganzen Reihe von Gelehrtenschulen ratend und helfend mit eingegriffen hat, so erfreute sich auch das Frankfurter Gymnasium in den frühesten An- fängen seiner persönlichen Teilnahme, seiner tätigen Förderung. Darum soll dem præceptor Germaniæ, dem Lehrmeister Deutschlands, in unserer Stadt, um mit den Worten seines Freundes Camerarius zu sprechen: unwandelbar bleiben bei dankbarem Geschlecht Namen und Ehre und Ruhm. Beim Anblicke seines Standbildes mõgen unsere Schüler zugleich daran denken, daſs unser Gymnasium hervorgegangen ist aus einer der ältesten und an- gesehensten Gelehrtenschulen Deutschlands, auf der Jahrhunderte hindurch viele ausge- zeichnete Männer ihre erste Ausbildung empfangen haben. Das erhebende Bewuſstsein, einer Gemeinschaft anzugehren, die auf eine solche Vergangenheit zurückblickt, sporne sie an, ihre ganze Kraft dafür einzusetzen, daſs sie ihrer Vorgänger würdig erfunden werden und daſs dieser Bildungsstätte das überkommene Ansehen ungeschmälert erbalten bleibe.
Neben Melanchthon sehen unsere Schüler den Geisteshelden, dessen Namen unsere Anstalt trägt, Gotthold Ephraim Lessing. Die Bahn bereitend jener Griechen- verehrung, die unsere groſsen Dichter zu ihren herrlichsten Schöpfungen begeisterte, hat er zuerst einen Homer und einen Sophokles seiner Zeit nahegebracht, die Werke


