Aufsatz 
Einweihung des neuen Schulgebäudes
Entstehung
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waren, weit hinter sich zurückgelassen hat? Wir haben uns auch mehr und mehr frei- gemacht von jener überschwänglichen Bewunderung der Alten, die seit Winckelmann und Herder den tiefgehendsten Einfluſs ausübte auf das geistige Leben unseres Volkes, jener Anschauung, die in dem Griechentume das Urbild reiner Menschlichkeit sah und diesem nahezukommen trachtete. Die Begeisterung der Tage, in denen die Herrlichkeit der griechischen Geisteswelt zum ersten Male sich in vollem Glanze vor den entzückten Blicken ausbreitete, ist einer kühleren Betrachtungsweise, einer ruhigeren Prüfung gewichen. Auch die Flecken in dem Bilde, die Mängel und Unvollkommenheiten hat sie enthüllt. Doch diese treten zurück gegenüber dem Groſsen und Unvergänglichen, das jenes von der Vor- sehung mit den reichsten Gaben begnadete Volk für die Menschheit geleistet hat. Den Meisterwerken der griechischen Dichter und Künstler hat der Wechsel der Jahrhunderte nichts von ihrer unvergânglichen Schönheit und Erhabenheit zu rauben vermocht. Sie er- greifen auch uns noch im Innersten der Seele wie eine Offenbarung des Göttlichen, das in der Menschenseele wohnt. Den gleichen Hauch des Genius spüren wir, wenn wir uns versenken in die Gedankenfülle und Erkenntnistiefe griechischer Philosophen, wenn wir nachgehen der bahnbrechenden Geistesarbeit griechischer Forscher und Gelehrten. Diese einzigartige Gröfse des griechischen Geistes hat steis von neuem ihre lebenzeugende Kraft bewährt.

Aber die Bedeutung, die das griechische Geistesleben auch für uns und unsere Zeit besitzt, beruht vor allem auf der durch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung immer schärfer hervortretenden Thatsache, dafs die griechische Kultur die Grund- lage bildet für das gesamte Kulturleben der Gegenwart, daſs von allen Seiten unseres Denkens und Empfindens die Fäden nach Griechenland führen, dafs die Griechen unsere geistigen Vorfahren sind, deren Erbe wir in treuer Hut halten müssen, wenn nicht unser Besitz an geistigen Gütern eine unwiderbringliche Einbufse erleiden soll. In dem Nähr- boden des Altertums liegen die Wurzeln unserer Kraft, sie zu erhalten, aus ihnen die gesunden Säfte wahrer Geistesbildung der Jugend zuzuführen, das erscheint uns eine Gewähr dafür, dafs unser Volk die geistige Hôhe behauptet, in der es bisher seinen Ruhm gesucht hat.

Wir würden uns freilich einer törichten UÜberhebung schuldig machen, wollten wir glauben und behaupten, die letzten Ziele aller höheren Jugendbildung lieſsen sich allein auf dem von uns verfolgten Wege erreichen. Zweifellos sind auch diejenigen Lehranstalten, die andere Unterrichtsgegenstände in den Vordergrund stellen, in der Lage, ihren Zög- lingen eine geistige Ausbildung zu geben, die als gleichwertig der von uns angestrebten anerkannt werden muſs. Wir freuen uns, dafs endlich die Vorrechte des Gymnasiums ge- fallen sind, die uns nur Schaden gebracht haben. Durch das Fallen dieser Vorrechte ist auch die Gefahr beseitigt, die von einer zu groſsen Nachgiebigkeit gegenüber den For- derungen der Gegenseite dem Gymnasium drohte, und die Möglichkeit gegeben, das, was den Kern des gymnasialen Unterrichts ausmacht, stärker zu betonen und nachhaltiger zu betreiben.

Andererseits sind wir gerade in einer Stadt wie Frankfurt vor jeder übertriebenen Einseitigkeit bewahrt. Das frische Leben, das uns auf allen Seiten umgibt, zwingt uns, nicht in der Vergangenheit haften zu bleiben, sondern immer den Blick gerichtet zu halten auf