Aufsatz 
Einweihung des neuen Schulgebäudes
Entstehung
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nutzbringende Mitarbeit an den drängenden Aufgaben der Gegenwart notwendig sind. Dieser Forderung gegenüber dürfen wir uns mit Fug und Recht darauf berufen, dass auch wir, getreu dem alten Wahrspruch unserer Anstalt: non scholae, sed vitae, unsere Schüler vorbereiten wollen für das Leben. Nur glauben wir, daſs nicht jene âuſseren Güter, jene Erfolge und Errungenschaften materieller Art es sind, auf denen die Zukunft unseres Volkes in erster Linie beruht, daſs es einen verhängnisvollen Bruch mit der Ver- gangenheit bedeutete, wenn über ihnen die höheren geistigen und sittlichen Güter vernach- lässigt würden, aus denen unser Volk seine besten Krafte gewonnen hat, denen es die führende Stellung verdankt, die ihm selbst von seinen Gegnern zugestanden wird. Im Gegensatz zu der weite Kreise beherrschenden materiellen Richtung unserer Zeit mufs gerade in dem jüngeren Geschlecht der Sinn geweckt werden für diese höheren Güter, die Be- geisterung entfacht werden für die ewigen ldeen des Wahren, Guten und Schônen.

Wir teilen nicht die Meinung, dafs auf den Erwerb eines sofort im Leben verwend- baren Wissens das Hauptgewicht zu legen ist. Wir erkennen auch heute die vornehmste Auf- gabe alles erziehlichen Unterrichts und insbesondere der höheren Lehranstalten in der Entwick- lung der geistigen und sittlichen Anlagen des Schülers, der Ausbildung seiner Denkkraft und seines Urteilsvermôgens, der Ausprâgung seines Charakters und seiner Persönlichkeit. Er soll zu selbständigem Denken angeleitet und innerlich in dem Grade gefestigt werden, um mit gereifter Erkenntnis und ausgebildetem Pflichtgefühl weiterbauen zu können auf dem Grunde, der in der Schule gelegt ist. Dieser Schärfung und UÜbung des Verstandes, der Stählung des Willens, der Veredlung des Empfindens müssen die verschiedenartigen Unter- richtsgegenstande dienstbar gemacht werden. Zugleich aber gilt es allerdings, die jugend mit dem Rüstzeug auszustatten, dessen sie zu einer erfolgreichen Betätigung der gewonnenen Kräfte bedarf. Es gilt, ihr das Wissen und die Kenntnisse zu bleibendem Besitz zu machen, die die Voraussetzung sind für jede Art geistiger Tätigkeit, sie einzuführen in das geistige Leben der Gegenwart und ein klares Verständnis anzubahnen für die Fragen, die unsere Zeit bewegen. Und wenn dem Gymnasium vorzugsweise das Ziel gesteckt ist, seine ZLZög- linge für die wissenschaftlichen Berufe vorzubilden, so mufs es von vornherein darauf bedacht sein, das wissenschaftliche Streben anzuregen, den lebendigen Trieb selbständig zu suchen und zu forschen.

Mit diesem wissenschaftlichen Geist und überhaupt einer höheren Richtung des Denkens und Strebens die Jugend zu erfüllen, ihre geistige und sittliche Kraft zu stärken, ihr Wissen zu vertiefen und ihr ein eindringendes Verständnis zu erschlieſsen des Geisteslebens der Gegenwart durch die Klarlegung des geschichtlichen Zusammen- hangs mit der Vergangenheit, der Wurzeln, denen es entsprossen ist, als ein Haupt- mittel für die Erreichung dieser Ziele betrachten wir neben den Unterrichtsfächern, denen alle höheren Lehranstalten die gleiche Pflege angedeihen lassen, hauptsächlich eine eingehende Beschaftigung mit dem klassischen Altertum, eine gründliche Einführung in die Kultur der Griechen und Römer. Wir erblicken keineswegs in den Schriften der Alten

der klassischen Studien den Anbruch eines neuen Tages nach langer Finsternis bedeutete. Wer wollte leugnen, daſs unsere Zeit auf vielen Gebieten jene Alten, die ihre Lehrmeister

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