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sind und überall die selbständige Gestaltungskraft des aus Eigenem schöpfenden Künstlers gewaltet hat. Wer das allmählige Entstehen des Baues beobachtet hat, der weiſs, welche liebevolle und sich selbst nie genugtuende Sorgfalt ihm auf jeder Stufe des Fortschritts zugewendet war. Für die aufopfernde Hingabe an die übertragene Aufgabe, für das rastlose Mühen, in jeder Hinsicht das Vollkommenste zu leisten, sprechen wir unserem verehrten Baumeister den wärmsten Dank aus. In diesen Dank schliefsen wir alle ein, die mit Eifer und Verständnis dazu mitgeholfen haben, die Absichten des Baumeisters zu verwirklichen, in erster Linie Herrn Bauführer Burckhardt, der als umsichtiger und unermüdlicher Leiter die Bauarbeiten vom ersten Spatenstiche an beaufsichtigt hat. Wir gedenken auch aller Handwerker und Arbeiter, deren fleifsige Hände von früh bis spät sich regen muſsten, um das Werk zur rechten Zeit fertigzustellen.
So steht denn, mit Kunst erdacht, mit Fleifs gemacht, das neue Haus in frischem Glanze da. Aber so stattlich sein Nuſseres. so zweckmäfsig und schön die inneren Teile sich darbieten mögen, was dieses Haus sein soll, das wird es doch erst durch das Leben, das in seinen Räumen sich entfaltet, durch den Geist, der es durchweht. Dieses Leben zu schaffen, diesen Geist zu wecken, ist unsere Aufgabe. Mit freudigem Mute und hoffnungs- voller Zuversicht gehen wir an unsere Arbeit. Wirkt doch schon die Arbeitsstätte erhebend und anfeuernd. In diesen hohen, hellen Lehrzimmern finden dumpfe Gleichgiltigkeit und träge Verdrossenheit keinen Einlaſs. Da weitet sich die Brust, da öffnet sich das Herz, da klärt und schärft sich der Verstand. Mit der Empfänglichkeit für alles Groſse und Schöne wächst der Lerntrieb und die Begierde tiefer einzudringen in die Welt des Wissens, die Freude am geistigen Wachstum. Daſs ein solcher geistiger Gewinn unserer Anstalt und ihren Zöglingen aus dem neuen, schöneren Heim erwachse, in das wir heute unseren Einzug halten, das dürfen wir um so gewisser erhoffen, als wir auch unter weniger günstigen Verhältnissen auf den regen Fleifs und das willige Entgegenkommen unserer Schüler uns verlassen konnten.
Grofſs und schwer ist die Aufgabe, die das Gymnasium zu lösen hat. Schwer gerade in einer Zeit, deren ganze Strömung der Art der Erziehung und Ausbildung ent- gegenzusein scheint, an der wir aus innerster UÜberzeugung festhalten. In engem Zusammen- hange mit dem gewaltigen Aufschwunge, den unser Vaterland seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts genommen hat, der groſsartigen Entwicklung unserer Industrie und unseres Handels, den staunenswerten Fortschritten auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Technik, in engem Zusammenhang mit diesen Errungenschaften, auf die unser Volk allen Grund hat stolz zu sein, hat sich eine unverkennbare Wandlung in seinem Denken und Empfinden vollzogen. NMehr und mehr sind die realen Interessen des Lebens in den Vordergrund getreten. Die Behauptung der in heiſsem Kampfe erstrittenen Erfolge, das zielbewufste Voranschreiten auf der vorgezeichneten Bahn stellt die höchsten Ansprüche an die Gesamtheit und an den Einzelnen. Je stärker alle Kräfte in dieser Richtung ange- spannt sein müssen, um so höhere Wertschätzung geniefsen auch die Güter, um deren Besitz man sich müht, und um so mehr hat das Streben danach andere Gedanken und Bestrebungen zurückgedrängt.
So wird denn auch von der Schule gefordert, dass sie ihr Hauptaugenmerk darauf lenke, die Jugend mit den Kenntnissen und Fähigkeiten auszurüsten, die für eine


