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wesentlich erleichtert werden; das zeigt schon ein Blick auf seine Ausstattung, auf den Schmuck seiner Wände und in den herrlichen Raum, in dem wir uns befinden.
So werden die Schüler hier mit besonderer Freudigkeit dem Ziele nachstreben können, das ihnen gesteckt ist. Das Lehrerkollegium aber wird bei seiner Tätigkeit der Wahrheit eingedenk sein, daſs für das Leben des Menschen nicht Eingelerntes, sondern nur Selbsterarbeitetes Wert hat, und deshalb im Unterricht vor allem die Förderung des selbständigen Denkens der Schüler im Auge behalten. Damit wird das Lessinggymnasium sich des groſsen Geistes würdig machen, dessen Namen es träâgt, der es in seinen Schriften oftmals ausgesprochen hat, daſs ihm tote Buchgelehrsamkeit nichts gelte, und der stets ein Feind alles Schein- und Abrichtungswesens gewesen ist. Dann wird für die hier erzogene Jugend das an einer Stelle der Stirnwand des Hauses angebrachte Wort:„Non scholae sed vitae“ zur Wahrheit werden, und sie wird dabei den Ernst der geistigen Arbeit lieb gewinnen. Und da Lessing es einmal bekannt hat, wenn ihm etwas von Gründlichkeit eigen sei, so habe er das dem Gymnasium, dessen Schüler er war, zu ver- danken, so môöge auch die Jugend, die hier ihre Bildung empfängt, sich später dankbar dieser Anstalt erinnern. Sie môge sich dann, Lessings Vorbilde folgend, nicht nur durch- drungen zeigen von dem eigenen lauteren und unermüdlichen Streben nach Wahrheit, sondern auch den Wahrheitsdrang bei anderen hochschätzen. So wird sie Achtung vor der ehrlichen UÜberzeugung des Nächsten und jene edle Duldung betätigen, die nicht Streit und Haſs stiftet, sondern Frieden und Versöhnlichkeit fördert und im gegenseitigen Verkehre nicht das betont, was uns trennt, sondern das, was uns eint.
Soll nun aber die Arbeit, die in diesem Hause getan wird, gedeihen und der geistige Bau, der in ihm aufzuführen ist, gelingen, so darf der Beistand des Hõôchsten nicht fehlen, denn wo der Herr das Haus nicht baut, da bauen nach dem Worte der Schrift umsonst, die daran bauen. Und so hoffe ich, daſs an dieser Stätte stets der Geist der Religion und Sittlichkeit herrschen möge. In einer Zeit, wo aus der Tiefe des Volks- lebens Mächte sich emporringen, die, wenn sie zum Siege gelangten, Thron und Altar ver- nichten und die Grundlage unserer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung zerstören würden, muss es das eifrigste Streben der Schule sein, ihren Zöglingen den festen Halt zu verschaffen, der ihren Blick auf das Ewige lenkt und sie um des Gewissens willen an der Mahnung des Apostels fest halten läſst:„Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat.“
Diese Unterordnung unter das Gesetz wird bei der aus der Anstalt hervorwachsen- den Jugend eine um so freudigere sein, je lebendiger die Vaterlandsliebe ist, mit der sie verknüpft ist. Ich zweifle nicht, daſs das Lehrerkollegium auch ferner die Liebe zu unserem herrlichen geeinten Vaterlande pflegen und stärken werde. Und wenn in diesen Räumen das Geistesleben der alten Völker einen wesentlichen Teil des Unterrichts ausmacht, so besorge ich darum nicht, daſs die Anstalt junge Griechen und Römer heran- bilden wird, ebensowenig wie aus den deutschen Schulen, die den Unterricht in den modernen Sprachen bevorzugen, junge Engländer und Franzosen hervorgehen. Der Herr Oberbürger- meister hat vorher mit Recht betont, daſs alle unsere Schulen Deutsche erziehen sollen, und ich vertraue, das Lessinggymnasium wird den Geist hegen, daſs seine Jugend immer-


