Aufsatz 
Einweihung des neuen Schulgebäudes
Entstehung
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Diese Wandlungen haben bei manchem Freunde der humanistischen Bildung eine gedrückte Stimmung und bange Besorgnisse hervorgerufen. Man begegnet mitunter der Xuſserung, daſs der deutsche Idealismus, den zu pflegen die vornehmste Aufgabe des alten Gymnasiums gewesen sei, seinem Ende entgegengehe. Die staunenswerten Fortschritte auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften und ihrer Anwendung in Technik und Industrie und der damit verbundene wirtschaftliche Aufschwung hätten, so sagt man, Erscheinungen gezeitigt, die eine betrübende Kehrseite des glänzenden Bildes seien. Man weist darauf hin, wie selbst in gebildeten Kreisen unseres Volkes eine Selbstsucht und Genufssucht auf- gekommen sei, die alles zu überwuchern drohe und die es dem Gymnasium auf die Dauer unmöglich machen werde, seinen platz zu behaupten und seiner Aufgabe, der Erziehung zu edler Menschenwürde, gerecht zu werden.

Gewiſs entbehren diese Klagen nicht in jeder Beziehung der Berechtigung. In der Tat ist für viele die Bildung nur noch ein Mittel zum Zweck, das dem äuſseren Fort- kommen dient und als Handwerkszeug beim Jagen nach irdischem Gute gilt, und es haben sich in erschreckenden Beispielen ein rücksichtsloser, gieriger Erwerbssinn und eine grobe Sinnenlust offenbart, die jedem Vaterlandsfreunde zu schweren Sorgen Anlaſs bieten. Aber man blickt doch leicht zu düster in die Zukunft; denn es läſst sich nicht verkennen, dafs andererseits auch wieder Erscheinungen uns begegnen, die dafür sprechen, daſs der die idealen Güter schätzende Geist, der unser Volk groſs gemacht hat, noch nicht erstorben ist. Und wir dürfen hoffen, daſs, wie der theoretische, der wissenschaftliche Materialismus in seiner öden Flachheit als überwunden gelten kann, auch die Krankheit des Materialis- mus des Lebens sich aus dem Volkskörper wieder bannen läſst.

jedenfalls braucht das deutsche Gymnasium nicht mutlos zu werden, und es hat die Pflicht an seinem Teile still und unverdrossen mitzuwirken, daſs unserem Volke das teure Erbe der Väter erhalten bleibt. Es wird dieser Aufgabe zumal nach der Um- gestaltung, die sein Lehrplan vor zwei Jahren erfahren hat, um so sicherer und besser ge- wachsen sein können, als die Zahl der Schüler, die ihm zugeführt werden, voraussichtlich eine Verminderung erfahren wird. Allerdings bedarf es zur Erreichung seines Zieles der ernstesten Arbeit aller, die an ihm wirken, und es mufſs die Bildungs- und Erziehungsmittel, die es besitzt, in vollem Maſse ausnutzen. Diese Mittel des näheren darzulegen und in ihrem Werte und ihren wechselseitigen Beziehungen zu würdigen, muſs ich mir bei der Kürze der im Rahmen der heutigen Feier verstatteten Zeit versagen. Nur das möchte ich betonen, dafs das klassische Altertum, dessen Studium im Mittelpunkte der sprachlichen Bildung des Gymnasiums steht, in seiner Bedeutung für unsere nationale Kultur noch keineswegs, wie manche behaupten, erschöpft ist. Wenn das Gymnasium aber die Beschäftigung mit den alten Sprachen in treuer und hingebender Liebe pflegt, so wird es dabei nicht vergessen dürfen, daſs die Erlernung des Lateinischen und Griechischen nicht blos zur Gymnastik des Geistes, zu der oft übertrieben eingeschätzten, heute noch ôfter und mit gröſserer Einseitigkeit zu gering. bewerteten formalen Bildung dienen soll, sondern auch zur Einführung in die ldeenwelt des Altertums und in das ethische und künstlerische Verständnis des Grofsen und Schönen, das es geschaffen hat, und daſs endlich von der Antike die Brücke zu schlagen ist zu der Anschauungsweise und den Auffassungen unserer Zeit. Die Arbeit an solcher Aufgabe wird in diesem Hause Lehrenden und Lernenden