Aufsatz 
Einweihung des neuen Schulgebäudes
Entstehung
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Sodann ergriff Herr Geheimer Regierungsrat Dr. Paehler das Wort:

Hochverehrte Festversammlung! Das Königliche Provinzial-Schulkollegium in Cassel hat mich beauftragt, dem Lessinggymnasium aus Anlaſs der UÜbersiedelung in sein neues Heim die herzlichsten Glück- und Segenswünsche zu überbringen. Zugleich bin ich von dem Vorsitzenden des Kollegiums, Seiner Excellenz dem Herrn Oberpräsidenten, ersucht worden seine persönlichen Wunsche zu übermitteln und dem Bedauern Ausdruck zu geben, dafs er verhindert ist, dieser Feier beizuwohnen. Mir selbst ist es eine besondere Ehre, daſs meine erste Amtshandlung, nachdem ich am Sitz der Behörde die Bearbeitung der Angelegenheiten dieser Anstalt übernommen habe, die Teilnahme an diesem hocherfreulichen Feste ist.

Ich habe heute morgen unter Führung des Herrn Direktors die sämtlichen Räume des Gebäudes besichtigt und dabei den lebhaften Eindruck empfangen, daſs die Stadt Frank- furt dem Ruhmeskranz, den sie sich durch die Forderung ihres höheren Schulwesens erwor- ben, ein neues Blatt eingefügt hat. Es gereicht mir zur Befriedigung, daſs ich dem Kuratorium und den städtischen Körperschaften Frankfurts für die bewiesene Fürsorge namens der Königlichen Staatsregierung uneingeschränkte Anerkennung und wärmsten Dank aus- sprechen darf. Dank und Anerkennung gebührt aber auch dem Manne, der den Bauplan erdacht und die Ausführung des Baues geleitet und ein Werk geschaffen hat, das seinen Meister für alle Zeit ehren wird. In den hohen, luftigen, hellbelichteten Räumen muſs es eine Freude sein für Lehrer und Schüler zu arbeiten, und die Eltern, die ihre teuersten Guter hierhersenden, können das um so beruhigter tun, als allen Forderungen der Schul- hygiene Rechnung getragen ist und der Spruch, der den Eingang zur Turnhalle ziert: Mens sana in corpore sano, offenbar auch dem Erbauer des Hauses vorgeschwebt hat.

Nun soll aber in diese schönen, neuen Räume das Lessinggymnasium nicht etwa einen neuen Geist hineintragen, sondern die echten alten Traditionen der Vergangenheit mit- hineinnehmen. Mit seiner Schwesteranstalt, dem Goethegymnasium, ist das Lessingymnasium der Rechtsnachfolger und Erbe des alten Frankfurter Gymnasiums. Es blickt zurück auf eine beinahe 400 jährige Entwicklung und kann stolz sein auf die Geschichte, die es erlebt hat. Sind auch vorübergehend Tage des Niederganges nicht ausgeblieben, so kann es sich doch dessen rühmen, dafs es seine Aufgabe gelôst hat, und darf hinweisen auf die groſse Zahl hervorragender Männer aus allen Zweigen der Wissenschaft, die es hat reifen sehen.

Auch heute noch vermag das deutsche Gymnasium die Ziele, die ihm gesteckt siad, zu erreichen. Freilich ist seine Stellung im Gesamtorganismus des Schulwesens in den letzten Jahrzehnten eine andere geworden. Nicht mehr ist wie ehedem das Gym- nasium die einzige Anstalt, die die Jugend zur höheren Bildung vorbereitet. Der alte Satz, dafs alles dem Flusse unterworfen ist, hat sich, wie bei allen Lebensformen, bei den natio- nalen, den wissenschaftlichen Aufgaben, der Weltauffassung, so auch in der Entwickelung der Schulorganismen bewahrheitet. Neben das Gymnasium haben sich ebenbürtige Genossen gestellt, die in Wettbewerb mit ihm getreten sind und zuletzt die Gleichberechtigung er- rungen haben, und bei dem Gymnasium selbst haben sich in der Gestaltung des Lehrplanes neue Strömungen geltend gemacht, infolge deren grade hier in Frankfurt dem Lessing- gymnasium eine Schwesteranstalt entstanden ist, die dasselbe Ziel auf etwas verschiedenem Wege verfolgt.