Aufsatz 
Einweihung des neuen Schulgebäudes
Entstehung
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Sehr verehrte Festversammlung! Indem ich mich anschicke, dieses neue Schulge- bäude dem Direktor und Kollegium namens der Stadt zu übergeben, schweift der Blick rückwärts zum 7. Januar 1897, als wir dem Goethegymnasium ein neues Haus übergeben konnten. Das alte einheitliche Frankfurter städtische Gymnasium hatte schon 1892 ange- fangen sich zu trennen in eine Abteilung, welche konservativen Sinnes in alter Weise weiterarbeitete, und in eine Reformrichtung, welche versuchen wollte, das alte Ziel auf neuem Wege zu erreichen. Damals schon folgte das Goethegymnasium dem Zuge der Entwicklung, welcher die ganze Stadt beherrscht; indem das Innere der Stadt immer mehr von Handel und Geschäft ergriffen wird, zieht die Muse sich zurück in die äufseren Bezirke, wohin auch die Einwohner zu ruhigerem Wohnen flüchten. Diesem Zuge der Zeit hat das Lessinggymnasium als letzte der höheren Knabenschulen sich angeschlossen.

Ein Kranz von höheren Schulen umringt die alte Stadt, und sie alle wollen dasselbe, aber auf verschiedenen Wegen, sie alle wollen deutsche Jünglinge zu deutschen Mannern bilden, und es ist erfreulich zu wissen, daſs dieser Wettkampf besteht, ist doch der Wettkampf der Vater aller groſsen und guten Dinge. Und notwendig ist in der Tat, daſs alle Kräfte im Wettkampf angespannt werden. Es kann heute meines Amtes nicht sein, politische Gedanken anzuregen, aber es liegt jenseits aller politischen Betrachtung, dafs unser deutsches Volk die schwere Aufgabe hat, das ungeheuer Groſse zu erhalten, was unter der Führung gewaltiger Genien und mit Anspannung allen Volkskräfte glücklich erreicht ist; und hierzu unsere Jugend und insbesondere gerade den Teil derselben tüchtig zu machen, aus dem künftig die führenden Männer der Nation hervorgehen sollen: das ist die Aufgabe aller unserer höheren Lehranstalten.

In diesem Sinne, hoffe ich, wird das Lessinggymnasium diese neue Stätte der Wirksamkeit beziehen und das Lehrerkollegium unter der Leitung seines Direktors seine Tatigkeit ausüben. Ich freue mich, daſs es in diese schönen, luftigen Räume hat einziehen können, und es drängt mich, dem Architekten, der dieses Werk ersonnen und ausgeführt hat, die herzlichen Glückwünsche der städtischen Verwaltung entgegenzubringen. Und wir Frankfurter können in der Tat stolz darauf sein, dieses schöne Haus nunmehr unser eigen nennen zu können. Wenn Sie aber durch die Zimmer, die Gänge und Treppen gegangen sind, so werden Sie bemerkt haben, daſs ein eigenartiger Schmuck sie freundlich begrüſst. Es ist, wie ich glaube, wohl das erste Beispiel einer weit durchgeführten künstlerischen Aus- stattung, die dieses Gymnasium zeigt und wodurch es nun seinerseits wieder das Goethe- gymnasium übertroffen hat, das ihm längere Jahre hindurch architektonisch weit voraus war. Nunmehr zweifle ich nicht daran, daſs diese Anregung auch noch weitere Früchte bringen wird. Vor allem glaube und hoffe ich, daſs die Mütter und Väter, die sich freuen mit- gewirkt zu haben an der herrlichen Ausstattung dieser schönen Ràâume, die Erkenntnis weiter verbreiten werden, wie schon es ist, daſs in solchen Räumen im Anschauen von Meisterwerken aller Zeiten die Jugend heranwächst. So eröffnet das Lessinggymnasium mit neuer Anregung seine Tatigkeit, und ich wünsche und hoffe, daſs es fort und fort auf der alten Höhe wirken und weiter streben und daſs allezeit dem Gymnasium Gutes und Schönes beschieden sein möge. Mit diesem Wunsche übergebe ich Ihnen, verehrter Herr Direktor, und dem Lehrer-Kollegium diese Anstalt.