Aufsatz 
Das vermeinte Grabmal Landgraf Wilhelms III. von Hessen neu beleuchtet
Entstehung
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v ut den heiligen Olterabend ſtarb hans von doringenberg der alt etwan hot⸗ meilter zu hesſen, dem got gnad. In der Mitte des Steines ſah man das meſſingene Wappen ſeines Geſchlechts.*) Auch das Grabmal von Wilhelms Enkel, Ludwig III. oder Testator, welches ſich in der lutheriſchen Pfarrkirche zu Marburg befindet, iſt laut der daran ſtehenden Inſchrift ſchon im Jahte 1580 errichtet, während der Landgraf erſt 1604 ſtarb. 1.2

Was nun endlich noch die Deutung der ſchauetlchen Darſtellung auf Wil⸗ helms II. Grabmal angeht, ſo hält dieſe Herr von Rommel jetzt für leichter, als vormals, man möge nun eine natürliche, wenngleich karrikaturmäßige Darſtellung des Leichnams, oder eine Anſpielung auf die anarchiſche Zeit nach Wilhelms II. Tod darin finden(in welchem Fall die unter Anna regierenden Franziskaner die erſten Urheber dieſer Darſtellung ſeyn möchten).* Auch ich würde vollkommen die erſte dieſer beiden Anſichten theilen, wenn dieſes Denkmal iſolirt in ſeiner Zeit ſtünde. Da dieſes aber nicht der Fall iſt, und im Gegentheil aus vielen oben bemerkten Beiſpielen hervorgeht, daß ſolche Darſtellungen im Anfang des ſechzehnten Jahrhunderts in Deutſchland, England, Frankreich und wohl auch in andern Ländern zu dem Zeit⸗ geſchmack gehörten, ſo müſſen wir wohl auch zu deſſen Erklärung ſolche allgemeine Ideen annehmen, wie die früher erwähnten ſind. Dieſe paſſen übrigens ſo gut zu der ganzen oben entwickelten Sinnesweiſe Wilhelms II., und beſonders zu ſeinem Gemüthszuſtand in den letzten Jahren, daß hieraus neue Wahrſcheinlichkeitsgründe 338 die Vermuthung hervorgehen, er habe ſich dies Denkmal ſelbſt geſett.

Zum Schluſſe ſey es mir noch vergönnt, eine mit dem Hauptgegenſtand dieſes Aufſatzes zuſammenhängende Vermuthung zu äußern. Da man Wilhelms Krankheit für eine Strafe des Himmels wegen der im Pfälziſchen Kriege verübten Grauſamkeiten betrachtete,**) ſo könnte es ſeyn, daß der ſprichwörtliche Ausdruck:ausſehen, als wolle man die Pfalz vergiften(d. h. vergeben oder vertheilen), welchen Herr Pro⸗ feſſor Nebel) von den finſteren, drohenden Mienen der in die Pfalz eingefallenen Heſſen ableitet, urſprünglich gegen Wilhelm ſelbſt gerichtet geweſen wäre. Dieſes

*) Die letzte Nachricht verdanke ich der gütigen Mittheilung des Herrn Geh. aieäeinalnn Nebel in Gießen..

**) v. Nommel a. a. O. 8. In, Aumn S. 317.

**) Trithemii hist. belli Bavar. in Freheri scr. rer. Germ., tom. III. r†) Juſti's Vorzeit 1824, S. 190.