— 8—
ehr- und geldgierigen Cardinals Duprat, welcher Kanzler beim König Franz I. war und im J. 1535 ſtarb. Es befand ſich in der Kathedrale zu Sens, und die wenigen Marmortafeln des Fußgeſtells, welche man gerettet hat, bilden noch heutiges Tags eine Hauptzierde dieſer Kirche. Sie zeigen den Cardinal in ſeiner ganzen Herrlichkeit im Rathe des Königs, in der Kirchenverſammlung u. ſ. w. Dagegen war die Haupt⸗ vorſtellung ganz anders. Millin ſagt davon:*) Le prélat étoit représenté mort, et déjà dévoré par les vers, usage adopté à cetté époque, et qui étoit aussi dégoütant par les objets hideux quwil offroit à la vue, quil étoit peu favorable au développement et aux progrès de J'art.— Und nicht blos auf Grabmälern zeigt ſich dieſer Geſchmack, ſondern auch in den geiſtlichen Bilderbüchern jener Zeiten. So enthält das Exemplar der xylographiſchen Ars moriendi, welches ſich in der Gothaer Bibliothek befindet, unter andern Bildern auch eine der unſrigen ähnliche Darſtellung, welche F. Jacobs mit folgenden Worten beſchreibt:„Ueber einem Leichnam, an welchem Schlangen und andere Thiere nagen, ſtreitet ein Engel und ein Teufel um die Seele.“**)
Fragen wir nach den Urſachen, durch welche ſo gräßliche Darſtellungen damals in ſo großer Anzahl hervorgebracht wurden, ſo finden wir dieſe wohl, neben dem oben angedeuteten Grunde, theils in den furchtbaren Seuchen und Kriegen, welche im 15ten Jahrhundert wütheten und das Loos der Vergänglichkeit mit ehernen Zungen predigten, theils in dem beſchaulichen und ascetiſchen Leben der zahlreichen Kloſter⸗ geiſtlichkeit, welche die einmal gefaßten Ideen nicht eher losließ, bis ſie dieſelben mit der größten Einſeitigkeit an ihre äußerſten Grenzpunkte verfolgt hatte. Dieſe gingen dann zu den Laien über und ſpukten noch Jahrhunderte lang in Todtentänzen, Grab⸗ mälern, Erbauungsbüchern, Maskenzügen und andern Erſcheinungen fort, bis ſie endlich durch den mehr und mehr um ſich greifenden Sinn für antike Kunſt in den Hintergrund gedrängt wurden. Beſonders entwickelt finden wir dieſe grauenvollen Ideen in einem wahrſcheinlich gegen Ende des 15ten Jahrhunderts entſtandenen Kirchen⸗ liede, das mit den Worten beginnt:
Der grimmig Tod mit ſeinem Pfeil Thut nach dem Leben zielen.
*) Voyage dans les Départemens du midi de la France. Paris 1807. 8. T. I, p. 75, wo auch die erwähnten Basreliefs abgebildet ſind.. **) Jacobs und Ukert, Beiträge zur älteren Literatur. Leipzig. 1835. B. 1, S. 73.


