Aufsatz 
Das vermeinte Grabmal Landgraf Wilhelms III. von Hessen neu beleuchtet
Entstehung
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Anſichten von der Aechtheit und Bedeutung des Denkmals ab. Während es nämlich die Meiſten für alt und ächt halten, möchte es ein Anderer für neu und von unwiſſenden Mönchen untergeſchoben erklären,*) eine Anſicht, die von gärzlicher Unkunde der Sache zeugt. Und was ferner die Bedeutung angeht, ſo beſtehen auch hier zwei Meinungen neben einander; die eine, daß der zerfreſſene Leichnam ein Bild des damals verwüſteten heſſiſchen Staatskörpers ſey,**) die andere,daß der Bildhauer ohne allen Zweifel den armſeligen Zuſtand eines Menſchen, und wenn er auch gleich ein Fürſt wäre, habe vorſtellen wollen; wie nämlich derſelbe nach ſeinem Tode der Schlangen und Würmer Speiſe ſey.***) Die erſte Deutung iſt unſtreitig ſehr ge⸗ zwungen, und den Ideen des 15ten und 16ten Jahrhunderts wenig angemeſſen; die zweite paßt dagegen vollkommen zu den religiöſen Vorſtellungen des ſcheidenden Mittelalters, welches ſchon die heitere, kindliche Frömmigkeit ſeiner früheren Jahr⸗ hunderte verloren hatte, und daher mehr auf die Schreckniſſe des Fodes als auf den dahinter liegenden Troſt eines künftigen Lebens blickte.

Den mehrfach von Juſti angeführten Denkmälern derſelben Art füge ich noch einige bei, welche beſonders deutlich zeigen, daß man durch ſie nur im Allgemeinen die Hinfälligkeit aller irdiſchen Ehre und Herrlichkeit andeuten wollte, ohne alle Nebenbeziehungen auf die Lebens⸗ oder Todesart eines Menſchen, auf den geord⸗ neten oder verwirrten Zuſtand des Staats oder Zeitalters, in welchem er lebte. Dies beweiſt vorzüglich ein Grabmal der alten, im J. 1666 abgebrannten St. Pauls⸗ kirche in London, welches einem ihrer Dechanten, Joh. Coletus, der im J. 1519 ſtarb, aus Dankbarkeit für ſeine großen Verdienſte um dieſe Kirche und Schule geſetzt worden war. Oben ſah man ſein Bruſtbild mit einem Buche in der Hand; darunter lag aber ſein Skelet auf einer unterm Haupte zuſammengerollten Strohmatte mit der Ueberſchrift: Istuc cecidit gloria carnis. Ganz unten ſtand eine Inſchrift, in welcher ſeine Gelehrſamkeit, Rechtſchaffenheit, Mäßigkeit und Keuſchheit geprieſen wurde.) Ein anderes Beiſpiel liefert das in der Revolutionszeit zerſtörte Grabmonument des

*) Das Nähere bei Juſti a. a. O. S. 26, welchun zugleich dieſe unbegruͤndete Meinung ſiegreich widerlegt. **) Liſt in den Heſſ. Denkwürdigkeiten Th. WV, Abth. 2, S. 156 ff. ***) Schmincke Monim. hass. T. II, p. 567. ) The history of St. Pauls Cathedral in London by William Dugdale. London 1658. Fol. p. 64.