Aufsatz 
Das vermeinte Grabmal Landgraf Wilhelms III. von Hessen neu beleuchtet
Entstehung
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Ehe wir jedoch zu dieſem übergehen, müſſen wir zuvor den Haupttheil des Denkmals, die liegende Bildſäule des Landgrafen, etwas näher betrachten. Beim erſten Anblick möchte man ſie wohl wegen ihrer kleinen und ſchmächtigen Geſtalt für das Abbild eines Jünglings halten, welcher noch nicht ganz dem Knabenalter ent⸗ wachſen iſt. Sehen wir aber etwas genauer in das geöffnete Viſir des Helmes, ſo blickt uns mit ſchrecklicher Wahrheit das trefflich gearbeitete Bildniß eines abgemagerten Mannes von vorgerückten Jahren entgegen. Die krankhaften Ringe um die hohlen Augen, die emporgezogenen Augenbraunen, die eingefallenen Wangen, die hervortretenden Backenknochen ſcheinen den höchſten Grad der Auszehrung zu verkündigen. Dieß alles, ſo wie auch die verarbeiteten Züge um Mund und Naſe, welche das höhere Mannesalter verrathen, ſind mit ſolcher Wahrheit und ſo geſchicktem Meißel wiedergegeben, daß bis jetzt ein Jeder, welcher mit mir das Original, oder den im Caſſeler Muſeum befindlichen Gypsabguß,*) oder auch nur eine mit großer Treue und Kunſt nach letzterem entworfene Zeichnung, welche ich der Hand des Herrn Profeſſors Louis Grimm verdanke, betrachtete, dieſe für Portraits eines mehr als vierzigjährigen Mannes erklärt hat. Wir dürfen alſo annehmen, daß der Fürſt entweder von kleiner Statur geweſen, oder daß ihn der Bildhauer in verjüngtem Maßſtabe dargeſtellt habe.

Leider ſehen wir dieſes in Hinſicht der Ausführung ſo vorzügliche Denkmal auf eine äußerſt frevelhafte Weiſe verſtümmelt und beſchädigt. Im Geſichte des Land⸗ grafen iſt die Naſenſpitze und der rechte Naſenflügel zerſchlagen; das Schwert fehlt ganz und man ſieht nur noch die Stelle, wo es angelegen hat, nebſt den Löchern, in welche es mit Stiften befeſtigt war. Die beiden Perſonen, welche zu ſeinen Füßen ſaßen, ſind faſt ganz verſchwunden; die eine hat nur das Geſäß, die andere ein Bein und einen Schuh zurückgelaſſen. Auch von den beiden Engeln, welche dem Fürſten das Haupt hielten, iſt nur noch die untere Hälfte übrig. Am Wappenhelm über des Land⸗ grafen Kopf ſind das Viſir, das Blätterwerk und die Spitzen der Büffelhörner abgeſchlagen. Von dem Bilderdach fehlt der ganze bedeutende Theil, welcher über die ſenkrechte Kopf⸗ wand des Steinſarges hinausragte; man ſieht nur noch die beiden Löcher, worin die Eiſen ſteckten, die ihn unterſtützten. Dieſe letzten Verſtümmelungen ſind indeſſen durch Glatt⸗ meißeln einigermaßen ausgeglichen, ſo daß ein unkundiges Auge nur wenig davon

*) Er iſt mit dem Namen Wilhelms III. bezeichnet. 1*