— 29—
bührt, die Menſchheit damit beglückt zu haben, und um ſo emſiger und boshafter wird er, wenn es gilt, Steins Bild zu verdunkeln. Keine Gelegenheit läßt er ſich entgehen, um in dieſem Sinne zu wirken; allen ſeinen Freunden, die es etwa noch nicht wiſſen, meldet er triumphierend ſeine Autorſchaft, die Geſchichtsſchreiber klärt er auf, den König belehrt er, ja er verſchmäht es ſogar nicht, ſeinem Tod⸗ feinde Rochow, der ihn über„Woher? Wohin?“, nicht aber über das Teſtament zu Rede ſtellt, mit⸗ zuteilen, daß Steins Name ſeinem Teſtamente nur als„Aushängeſchild“ diente.
Da er Steins Namen nicht wegleugnen kann, ſo ſucht er zu beweiſen, daß trotzdem er allein den Anſtoß zum Teſtament gegeben und den Inhalt dazu geliefert habe; er läßt ſich zu dem Zwecke ein Fakſimile ſeines Entwurfs anfertigen und verſchickt es an maßgebende Perſönlichkeiten, er zeigt, daß Steins politiſche Uberzeugung mit dem Inhalte des Teſtaments gar nicht übereinſtimmt, ſcheut dabei nicht vor Übertreibungen, ja nicht vor Unwahrheiten zurück; denn als Übertreibung muß es bezeichnet werden, wenn er dem Könige gegenüber 1840 behauptet, Napoleon habe Friedrich Wilhelm III. vor ihm als dem Verfaſſer des Teſtaments warnen laſſen. Napoleon mag ſeine Wirkſamkeit im Miniſterium nicht gern geſehen haben, weil er ihn als feurigen Anhänger Steinſcher Politik kannte, nicht aber als Verfaſſer des Teſtaments, denn das wußte er nicht. Es iſt eine Unwahrheit, wenn Schön wiederholt behauptet, Stein ſei gegen die Aufhebung der Patrimonialjurisdiktion geweſen. Stein ſpricht ſich bei jeder Gelegenheit gegen dieſe aus, wir führen nur eine Stelle aus der Naſſauer Denkſchrift an:„An die Stelle der Patrimonialgerichte, die im Prinzip und der Ausführung fehlerhaft ſind, werden Crayß⸗ Gerichte gebildet“ ¹).
Was Schön offen nicht ſagen durfte, das thut er unter dem Deckmantel der Anonymität, oder er läßt es durch andere beſorgen; als man auf die große Ähnlichkeit des Teſtaments und der Proklamation aufmerkſam wurde, ſchickt er, um ſeine Autorſchaft zu retten, die Lüge in die Welt, dieſe ſei ſeinem Entwurfe entnommen; daher kommt es, daß er erſt im Jahre 1854 das Märchen von der Proklamation auftiſcht, während er ſie vorher mit keiner Silbe erwähnt.
Es iſt ein pſychologiſches Rätſel, wenn man ſieht, wie ein Mann, der von Stein immer als Freund und mit Achtung behandelt wurde, von dem dieſer immer mit Anerkennung ſpricht, ein Mann, dem man das Zeugnis der Tüchtigkeit nicht verweigern kann, und der uns ſonſt in jeder Beziehung als Ehrenmann gegenübertritt, in allem, was Stein betrifft, unedel, ungerecht und unwahr iſt. Ein Wink, wie dieſes Problem zu löſen iſt, kann uns das Wort des Dichters ſein:
„Das eben iſt der Fluch der böſen That, Daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären“.
Anfangs, wo er von der Abneigung Steins gegen das Teſtament ſpricht, hat er nur in all⸗ zuſtarken Farben geſchildert; dadurch wurde er gedrängt, ſeine Behauptungen allmählich zu ſteigern, bis er endlich ſelbſt vor einer Lüge nicht mehr zurückweichen konnte. Trotz ſeiner von ihm oft betonten Kenntnis der Philoſophie und Geſchichte hat er nicht gewußt, daß man vergeblich verſucht, das Bild der Geſchichte willkürlich zu färben. Er wollte einen großen Mann verkleinern, er hat nur erreicht, ſein eignes Andenken mit einem häßlichen Makel zu beflecken.
¹) Pertz, Steins Leben. B. I. S. 436.
—.:—B—:;


