Aufsatz 
Steins Rücktritt aus dem preußischen Ministerium : und das sogenannte politische Testament / von Heil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

jetzt nicht bekannt und zugänglich; allein ſelbſt die Hauptzüge über Adelsreform, wie ſie Stein befür⸗ wortet haben ſoll, die Pertz uns überliefert, und über die man keinen Zweifel hegen ſoll¹), ſtimmen nicht mit Schöns Plan überein. Danach ſoll der Adel durch Grundbeſitz bedingt ſein, und nur Kinder, auf die dieſer vererbt wird, ſollen dieſes Vorrecht genießen. Es wird aber nicht geſagt, daß nur ein Glied eines Hauſes adlig bleiben ſoll, ſondern Stein fordert nur, daßadliges Gut nicht unter ein beſtimmtes Maß geteilt werden ſoll ²). Hat alſo eine Familie große Güter, die ſo zerlegt werden können, daß ſie dieſen Anforderungen entſprechen, ſo können mehrere Glieder derſelben die Vorzüge des Adels genießen; außerdem ſollen alle anderen die Adelsfähigkeit nicht verlieren, ſondern nur auf die bevorzugte Stellung des Adels keinen Anſpruch haben).

Wir kennen noch einen andern Vorſchlag Steins, der mit dem Schönſchen wenig ÄAhnlichkeit beſitzt. Nachdem im Auguſt 1808 Scharnhorſt und Stein dem Könige empfohlen hatten, an dem be⸗ vorſtehenden öſterreichiſch⸗franzöſiſchen Krieg lebhaften Anteil zu nehmen, ſtellte Stein in einer geheimen Sitzung den Antrag, der König ſolle beim Ausbruch des Krieges den Adel allgemein ſuſpendieren und nur denen aufs neue gewähren, die ſich im Kriege auszeichnen würden, ein Vorſchlag ¹), der nicht nur Steins ausgezeichneten Patriotismus kennzeichnet, ſondern für uns auch ein Fingerzeig iſt, was wir von Schöns Worten zu halten haben, wenn er von Steinsalt⸗reichsfreiherrlichem Weſen und ſeinen Träumen mittelalterlicher Herrlichkeit ſpricht.

Nach dieſen Betrachtungen glauben wir, daß die Behauptung nicht als zu kühn zurückgewieſen werden kann, die dahin geht, daß das Werk, das unter Steins Firma ſo vieles Aufſehen erregt hat, nicht den NamenSteins politiſches Teſtament verdient, und daß man, um ſeine Pläne und Abſichten nach ſeinem Rücktritte im Jahre 1808 kennen zu lernen, nicht dieſes zu Rat ziehen darf. Er ſelbſt hat es niemals für ſein Abſchiedswort gehalten, er hat es weder aufbewahrt, noch ſpäter je eines Wortes ge⸗ würdigt; er hat ſeinen Nachfolgern Winke hinterlaſſen in der Proklamation, für die er wiederholt und mit Nachdruck dem Könige gegenüber eingetreten iſt, vor allem aber in ſeinem Lieblingswerk, deſſen Inhalt ſich mehr oder weniger deutlich wie ein roter Faden durch alle ſeine Denkſchriften zieht,der Verordnung über die veränderte Verfaſſung der oberſten Verwaltungs⸗Behörden der Preußiſchen Mo⸗ narchie, deren erſter Satz lautet:Des Königs Majeſtät ordnet einen Staats⸗Rath an. Der Staats⸗ rat war es, der ihm am Herzen lag; in ſeinem erſten Brief, den er nach ſeinem Rücktritte an Schön richtet, iſt der Staatsrat der Gedanke, den er an die Spitze ſeiner politiſchen Betrachtungen ſetzt). Seine Anſicht über dieſen Punkt war ſo bekannt, ſo ſehr hatte er es verſtanden, ſeine Freunde und Geſinnungsgenoſſen von der Güte des Planes zu überzeugen, daß ſie in laute Klagen ausbrechen, als ſie hören, daß das neue Miniſterium ihn nicht zur Ausführung bringen will. Klewitz verfaßt als⸗ bald ſeine Verteidigungsſchrift des Staatsrates;ferner iſt der Staatsrat ſuſpendirt, nochmals der Staatsrat iſt ſuſpendirt, ſchreibt Schön in ſein Tagebuch vom 10. Dezember 1808,Dohna und Altenſtein regieren den Staat. Das, was Stein nur bauen wollte, worauf er alles ſetzte, das iſt nicht wahr. Das, was Stein ſich nicht zutraute, das übernimmt keck und kühn Altenſtein und Dohna. Hardenberg bat alle, die um ihn waren, ihm beizuſtehen, Stein erklärte, ich habe es allein verſucht, aber es wird nichts Großes, ich muß Beiſtand haben, er errichtete das General⸗Departement und die General⸗Conferenz, damit alles ihm beiſtehe, und die Erfahrung beſtätigte die Güte ſeiner Anordnung. Und dieſe Herrn werfen alles um. Sie allein ſind genug, durchaus genug!³)

Wie ließe ſich aber erklären, daß dennoch Stein ſeinen Namen unter das Teſtament geſetzt hat; denn es ſcheint uns undenkbar, daß Schön die Fälſchung ſo weit getrieben habe, Steins Namen ſo zu mißbrauchen?

Als Stein im Jahre 1808 ſeinen ſeitherigen Poſten verlaſſen mußte, machten ſeine Freunde den Vorſchlag, den wir ſchon kennen, nämlich eine Kundgebung ans Volk gelangen zu laſſen, ein Vor⸗ ſchlag, den Stein um ſo weniger mißbilligte, als er ſelbſt ſchon vorher in dem Zeitungsartikel einen ähnlichen Weg betreten hatte. Er ließ die Proklamation verfaſſen, muſterte und verbeſſerte deren In⸗

¹) Vergl. Pertz, Steins Leben. B. II. S. 157. ²) Vergl. Pertz, Steins Leben. B. II. S. 159. b. Ad⸗ liche Grundſtücke ſollen nicht unter ſechs, Kölmiſche nicht unter drei Hufen haben. ³) Vergl. Pertz, Steins Leben. B. II. S. 159. Abſatz g.) Vergl. Pertz, Steins Leben. B. II. S. 212.) Vergl. Aus den Papieren Schöns. B. II. S. 67.) Vergl. aus den Papieren Schöns. B. II. S. 57.

4*