läuten ſollten; die benachbarten Dörfer warteten nur auf dieſen Moment, und daß kein Franzoſe dann lebendig aus Gumbinen kommen ſollte, dafür könne ich einſtehen, und— die Anzündung der Magazin⸗ Gebäude unterblieb.“
Ein anderer Beweis iſt, daß die Flugſchrift das Konzept des Teſtaments veröffentlicht, nicht den bekannten Text der Reinſchrift. Schön hatte zwar ein Fakſimile ſeines Konzepts zu dem Teſta⸗ ment anfertigen laſſen, dasſelbe jedoch keineswegs veröffentlicht, ſondern nur wenige Exemplare an Freunde, eines dem Könige und eines dem Miniſter v. Rochow überſchickt; wie ſollte nun ein obſkurer Broſchürenſchreiber zu einem ſolchen Fakſimile gelangt ſein? Es iſt doch kaum anzunehmen, daß etwa der Miniſter v. Rochow die Hand zur Verherrlichung ſeines Feindes geboten hätte. Außerdem werden am Schluſſe der Flugſchrift noch eine Reihe von Thatſachen zur Verherrlichung Schöns vorgeführt, auf die Schön in ſeinen Schriften immer mit beſonderer Genugthuung verweiſt, ſo ſein mutvolles Benehmen bei der Cholera⸗Epidemie im Jahre 1831 ¹), ferner der Vers, den Schön dem bayeriſchen Freiherrn von Luchin auf Illerfeld als Antwort auf deſſen Bitte überſandte, er möge ihm Material zu einer Lebensgeſchichte überſchicken²):
„Thue das Gute
Und wirf es ins Meer; Weiß es der Fiſch nicht, Weiß es der Herr“.
Gewiß eine Angelegenheit ſehr privater Natur, die nicht jedem Broſchürenſchreiber bekannt ſein konnte. Endlich vergißt die Flugſchrift nicht jenen Zug mitzuteilen(den Schön in der 2. Selbſtb. III, S. 124 und 125 erzählt), wonach Schön es als thöricht erklärt haben ſoll, als Civilperſon Militäruniform zu tragen.„Warum erſcheinen Sie ſtatt in der Kleidung eines freien Mannes in der eines Dieners ³)?“
Kehren wir nach dieſer Abſchweifung wieder zu unſerm Thema zurück, ſo iſt hier eine Stelle aus Schöns Brief vom 14. Dezember 1840 an den König anzuführen, wo er erzählt, daß das Teſta⸗ ment 1808 allgemein mit Beifall aufgenommen worden ſei,„nur der böſe Feind unſeres Königs, Napoleon, indem er die Folgen des neuen Lebens vorausſah, ließ durch Bignon und den verſtorbenen Miniſter von Voß den hochſeligen Herrn warnen und meine Entfernung aus der Königlichen Um⸗ gebung andeuten. Der hochſelige Herr ſchickte mir aber durch Scharnhorſt den Original⸗Brief und ſchenkte mir von der Zeit ab noch mehr Vertrauen, als ich mich früher zu erfreuen hatte“¹).
Darnach hätte alſo Napoleon alsbald gewußt, daß Schön der Verfaſſer des Teſtaments ge⸗ weſen iſt, wie ſollte er aber darauf gekommen ſein, wenn unter demſelben der Name„Stein“ ſtand, der ihm doch ſagen mußte, daß dies der letzte Schlag ſeines Todfeindes gegen ihn ſein ſollte?
Was aber wichtiger iſt als alle dieſe äußeren Gründe, die gegen die Vollziehung des Teſta⸗ ments durch Stein ſprechen, und was uns gegen die Annahme derſelben bedenklicher macht, iſt, daß im Teſtament Sätze und Anſichten vorkommen, die Stein nicht teilte, und die er demgemäß auch nicht unter⸗ ſchreiben konnte. Es ſind dies drei:
1) Die Stelle:„Der unerſchütterliche Pfeiler jedes Thrones, der Wille freier Menſchen, iſt gegründet“. 2) Die Forderung einer allgemeinen National⸗Repräſentation. 3) Die Vererbung des Adels nach engliſchem Muſter.
Es iſt gewiß nicht zufällig und verdient hervorgehoben zu werden, daß Schön in ſeiner Ab⸗ handlung über das Teſtament im Jahre 1854 gerade dieſe drei Punkte als ſolche bezeichnet, die Steins Weihe zuer geweſen ſeien, weshalb er ſie auch in der Proklamation weggelaſſen oder anders aus⸗ geführt habe).
Jener Satz, der Thron habe ſeine Stütze in dem Willen freier Menſchen zu ſuchen, d. h. er habe nur ſo lange eine Exiſtenzberechtigung, als es der Maſſe des Volkes beliebt, ſo lange als er durch vorteilhafte und freundliche Regierung ſich das Wohlwollen ſeiner Unterthanen zu erhalten weiß, iſt ſo radikaler Natur, daß man glaubt, eine Stelle des Contrat social vor ſich zu haben, er iſt ſo dem ganzen Weſen, der ganzen Geſinnungsart Steins zuwider, daß es unbegreiflich erſcheint, wie er
¹) Vergl. aus den Papieren Schöns. B. III. S. 95 und„Weitere Bei⸗ und Nachträge“. S. 245 und
folgende.— ²) Aus den Papieren Schöns. B. III. S. 75.— ³) Preußens Staatsmänner. S. 31.— ⁴) Aus den Papieren Schöns. B. III. S. 220.— ⁵³) Vergl.„Zu Schutz und Trutz“. S. 270.


