Aufsatz 
Steins Rücktritt aus dem preußischen Ministerium : und das sogenannte politische Testament / von Heil
Entstehung
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Teſtament konnte erſt damals anfangen Leben zu bekommen, weil es erſt damals allgemein bekannt wurde, wäre dies früher der Fall geweſen, ſo würde man ſich auch früher damit beſchäftigt haben; denn wir wiſſen, im Jahre 1815 nach beendigtem Kriege, war der Ruf nach Ständen und das Intereſſe für alles, was dieſe Frage betraf, nicht weniger lebhaft als in den vierziger Jahren, um ſo mehr als das Volk durch die Anſtrengungen des Kriegs ſich gleichſam ein Recht dazu erworben hatte.

Wir ſind ſeither in den Berichten Schöns ſo oft auf Widerſprüche geſtoßen, wir haben ſo häufig gefunden, daß ſeine Behauptungen ungenau und geradezu falſch ſind, daß jedermann es gerecht⸗ fertigt finden wird, wenn wir auch der mißtrauen, daß Stein die ihm vorgelegten Exemplare des Teſtaments unterſchrieben und dadurch als ſein politiſches Bekenntnis aus jener Zeit beglaubigt habe. Es ſind in der That eine ganze Reihe von Bedenken, die ſich dagegen geltend machen laſſen, und die ernſter Erwägung bedürfen.

Es iſt zunächſt im höchſten Grade auffallend, daß ſich in Steins Papieren weder Konzept noch Original des Teſtaments(wie wir durch Pertz B. II., Anmerkung 107, pag. 618 erfahren) be⸗ finden, wohl aber die Proklamation, ferner daß Stein in ſeinen Briefen an Schön ſich nicht über das Schickſal ſeines Abſchiedswortes erkundigt, und daß er es in ſeiner Selbſtbiographie nicht erwähnt.

Daraus muß man doch ſchließen, daß er es nicht als ſein politiſches Vermächtnis anſieht, und daß er ſowohl gleich im Anfang als auch ſpäter ihm keine Bedeutung beilegt; wenn er ſich aber für dieſes Werk nicht intereſſierte, ſei es, daß er ſich keinen Erfolg davon verſprach, ſei es, daß ihm Form und Inhalt nicht zuſagte, warum hätte er es unterſchreiben ſollen?

Das Teſtament tritt uns als Abſchiedsſchreiben eines Mannes gegenüber, der es für nötig erachtet, ſeine Nachfolger über bereits Geſchehenes aufzuklären und ihnen über Zukünftiges Winke zu⸗ kommen zu laſſen, weil es ihm ſelbſt von jetzt ab unmöglich iſt, dies mündlich in Konferenzen ꝛc. zu thun, kurz weil er aus dem Staatsdienſte vollſtändig ausſcheidet..

Wir wiſſen aber, daß Stein den preußiſchen Staatsdienſt gar nicht vollſtändig zu verlaſſen gedachte; wenn er auch damals wußte, daß ſein urſprünglicher Plan, als geheimer Staatsrat im Miniſterium eine einflußreiche Stellung einzunehmen, nicht durchgeführt werden konnte, ſo hielt er es für nichts weniger als unmöglich, auch fernerhin mit den Leitern des Staates zu verkehren und auf die Geſtaltung der Dinge einwirken zu können; wir haben ja oben geſehen, bei ſeiner Abreiſe giebt er ſeine Adreſſe an, unter der ihn Befehle des Königs treffen können, und doch hätte Stein ein Werk unterſchrieben, das eigentlich überflüſſig, Freunde und Kollegen in dieſer Beziehung geradezu irre⸗ führen mußte!

Hier darf auch die ſchon oben angeführte Thatſache nicht übergangen werden, daß 1817 Kle⸗ witz einen Aufſatz über das Teſtament veröffentlichen wollte, daß dies aber unterblieb,weil ihn die Finanzplagen in Anſpruch nahmen, und weil jeder Andere, der auch konnte, ſchwieg. Worüber haben denn Klewitz und jener Kreis von Eingeweihten geſchwiegen? Etwa darüber, daß es eine Schande ſei, den Namen eines Mannes zu rühmen, der ein ſolcher Alltagsmenſch war, daß er nicht einmal ein Werk ſchreiben konnte wie das kürzlich bekannt gewordene Teſtament, das nur Schönſches Talent zu dem gemacht hat, was es iſt? Nein, ſo dachte Klewitz nicht; er war ja Stein beſonders nahe getreten, er kannte ſeinen Meiſter zu genau, er hatte ja ſeinen Geiſt ſo ſchätzen gelernt, daß er ſich ſogar ſpäter in ſeinen Arbeiten davon regieren ließ ¹), er war ein zubraver und reiner Mann²), um ſich ſpäter zu ſolchen Außerungen zu vergeſſen. Er wußte aber auch, daß der Inhalt des Teſtaments zum aller⸗ größten Teil Steinſchen Ideen und Plänen entſprach, alſo auch hierüber waren Aufklärungen nicht zu machen. Wohl aber konnte er ſich zu Berichtigungen veranlaßt finden, wenn er las, daß kürzlich ein Werk veröffentlicht wurde als Abſchiedsworte Steins an die oberſten Behörden Preußens, die dieſer gar nicht unterſchrieben hatte, die gar nicht an die oberſten Behörden gelangt ſind.

Ein anderes Zeugnis, das gegen die Autorſchaft von Stein ſpricht, haben wir in einer Schrift Preußens Staatsmänner, III. Schön, die 1842 in Leipzig anonym erſchienen iſt. Darin heißt es (Seite 11), Stein habe ſpäter gegen die ihm zugeſchriebene Autorſchaftfeierlich proteſtirt; leider giebt

¹)Der Geiſt Steins hat ihn dabei geleitet, Bemerkung Schöns vom 11. Dezember in ſeinem Tagebuch

über Klewitz' Schrift an das Miniſterium Dohna⸗Altenſtein, die Aufhebung des Staatsrates betreffend. Aus den Papieren. B. II. S. 57. ²) Aus den Papieren Schöns. B. II. S. 57..