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Ein anderer Beweis, der für die Priorität der Proklamation klar ſpricht, iſt der, daß dieſe von der Städteordnung als einer zu erwartenden Reform ſpricht, das Teſtament dagegen ſtellt ſie als erfolgt dar,„die Städte ſind mündig erklärt“; natürlich die Städteordnung erfolgte erſt am 19. No⸗ vember, alſo nach der Abfaſſung der Proklamation, aber vor der des Teſtaments. Wir glauben, jeder⸗ mann, der dieſe Thatſachen ins Auge faßt, iſt mit uns überzeugt, daß die Schönſche Behauptung, die Proklamation ſei ſeinem Entwurf des Teſtaments entnommen, einfach erfunden iſt, jedermann wird ſich aber alsdann auch der Überzeugung nicht verſchließen können, daß Schön beim Niederſchreiben des Teſtaments die Proklamation vor ſich liegen hatte, daß er es, wie wir oben ſchon erwähnt haben, nicht unter ſeiner Würde gehalten hat, das fundamentloſe Halbmachwerk einfach in Schönſche Proſa zu überſetzen. Man leſe nur die beiden Abſchnitte über Kirche und Schule, ſtimmen ſie denn nicht faſt wörtlich überein! Gerade dieſe Ubereinſtimmung mag auch Schön bewogen haben, bei jeder Gelegenheit zu betonen, die Gedanken zu beiden hätte Nicolovius geliefert; er wollte dadurch der naheliegenden richtigen Vermutung vorbeugen.
Jetzt können wir uns auch erklären, inwiefern eine Firma nötig war, um mit einer Kund⸗ gebung hervorzutreten, und wie es ſich mit dem Punkte der„Celebrität“ verhält, den Schön ſo ſehr hervorgehoben haben will, und den er ſo oft betont, als er vom Teſtamente ſpricht. Zu einer Kund⸗ gebung an das Volk bedurfte man keines Namens von gutem Klange, die Sache ſelbſt ſprach laut genug für ſich, wohl aber brauchte eine Denkſchrift für die Glieder des Miniſteriums einer empfehlenden Unterſchrift, wie ſie beſſer als die Steins nicht gewählt werden konnte. Daß aber Schön Stein nicht von Ruhm geſprochen haben kann, indem er ihm einen derartigen Plan auseinanderſetzte, iſt klar; welcher Ruhm konnte Stein durch eine Schrift erwachſen, die vorausſichtlich nur in die Hände der Miniſter und zu Ohren der miniſteriellen Kanzlei kam, ſie kannten ja Stein und alle dieſe Pläne, wie ſollten ſie ihre Stimmen für eine Sache lobend erheben, die ſie teilweiſe gar nicht billigten! Ruhm konnte für einen Mann entſtehen, deſſen Name unter einer Proklamation ſtand, wie die, welche Stein an das Volk ſchicken wollte, er war aber nicht der Streber, der nur im Munde und Andenken der Menge leben wollte, er ſuchte ja nicht, ſeinen Namen darunter zu ſeßen, ſondern trat beſcheiden zurück, weil er wußte, daß dieſe Kundgebung als Worte des Königs noch beſſer ihren Zweck erfüllte.
Übrigens können wir auch jetzt beurteilen, wer eigentlich zuerſt auf den Gedanken kam, das Intereſſe des Volkes für die Maßregeln des Miniſteriums Steins wach zu rufen. Steins Freunde mögen wohl bei ſeinem Abgange darauf gekommen ſein, er aber beweiſt durch den Artikel, daß er ſchon lange vorher die Zweckmäßigkeit dieſes Mittels erkannt hatte.
Wir kommen jetzt zu der letzten und Hauptfrage: 4) Hat Stein das Teſtament unterſchrieben und herumgeſchickt?
Ehe wir zur Beantwortung dieſer Frage ſchreiten, wollen wir uns erinnern, was Schön darüber ſagt, und wie ſie uns geſchichtlich erſcheint.
Schön meldet uns, daß das Teſtament von Stein nicht ſelbſt, ſondern von ihm abgefaßt ſei; als Grund dafür gibt er an einmal(2. Selbſtb.),„Stein ſei in jener Zeit zu aufgeregt geweſen, um ein ſolches Werk aufzuſetzen“, dann weil ihm das, was im Plane lag, nicht aus der Seele kam (1. Selbſtb.), endlich aber, weil er nicht imſtande dazu war, denn er war ja„ohne alle philoſophiſch⸗ politiſche Entwicklung und ohne alle Bildung in Beziehung auf Staat und Staatenbildung“ ꝛc.(Zu Schutz und Trutz). Wir wiſſen ferner, daß Stein dem Werke Schöns gegenüber eine abwartende Stellung einnahm, daß er mit der Unterſchrift zögerte, daß Schön ihn mehrmals darum bat(daß er ihn„drängte“, Zu Schutz und Trutz, p. 270), ja daß er ihm bei ſeinem Abſchiedsbeſuche darauf das Ehrenwort abnahm. Infolge davon unterzeichnete Stein am Morgen ſeiner Abreiſe das Werk in ſo viel Exemplaren, als nötig waren, um je eins den erwachſenen männlichen Gliedern des königlichen Hauſes und den Mitgliedern des Staatsrates zu überreichen. Stein beauftragte ſeinen Sekretär, die Exemplare erſt nach ſeiner Abreiſe zu verſiegeln und herumzuſchicken. Mit dieſer Angabe Schöns ſtimmt auch eine Notiz in ſeinem Tagebuche vom 5. Dezember ¹):„Stein fuhr ab, ich ſah ihm nach. Er nimmt viel mit, die Anhänglichkeit aller rechtlichen Menſchen. Stein ſchickte mir ſeinen beil. Ab⸗
¹) Aus den Papieren Schöns. B. II. S. 53. 3*


