Aufsatz 
Steins Rücktritt aus dem preußischen Ministerium : und das sogenannte politische Testament / von Heil
Entstehung
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Dagegen fehlt dem Teſtament der wichtige Abſchnitt der Proklamation, in dem die Gleichſtellung der chriſtlichen Konfeſſionen ausgeſprochen iſt.Keinen mehr ſoll ſeine Religion ausſchließen von Amtern und Würden, ſondern überall werden gleich ſeyn alle chriſtlichen Religionsverwanten in ihren Anſprüchen auf Amter im Staat.

In dem folgenden Punkte, wo das Teſtament die allgemeine Wehrpflicht kurz berührt, vermißt man in ihm die Betonung des wichtigen Rechts, daß in Zukunft jedem,dem Geringſten und Armſten (wie es in der Proklamation heißt) wie dem Vornehmſten und Reichſten, die höchſten Stufen ſoldatiſcher Ehre und Macht offen ſtehen, und daß die entehrende Prügelſtrafe im Heere abgeſchafft werden ſoll.

Am Schluſſe, wo von der Aufhebung der Fronen und Ablöſung anderer Laſten, von Neue⸗ rungen im Kirchen⸗ und Schulweſen die Rede iſt, ſtimmen Teſtament und Proklamation faſt überein, und es iſt in Bezug auf Inhalt und Darſtellung weder dem einen noch dem andern ein beſtimmter Vorzug einzuräumen.

Aus dieſen Betrachtungen dürfte erhellen, daß weniger das Eigentumsrecht auf das Teſtament als auf die Proklamation zu Anſprüchen auf Ruhm und Würdigung berechtigt; wenn ſich nun zeigen läßt, daß Stein das letztere zuzuſprechen iſt, ſo wird er auch ohne das erſtere in nicht geringerem Lichte erſcheinen. Dies wird in der Folge geſchehen, wo auf die Geſchichte der Entſtehung beider Ur⸗ kunden näher eingegangen werden wird.

Zur Beurteilung der Entſtehung des politiſchen Teſtaments, ein Name, den unſeres Wiſſens zuerſt Schön gebraucht in einem Briefe an Hardenberg vom 20. Auguſt 1810 ¹), ſind uns leider nur geringe Anhaltspunkte gegeben.

Stein ſelbſt hat ſich darüber gar nicht geäußert; die Zeitgenoſſen jenes Ereigniſſes ſchweigen ebenfalls darüber, der einzige, der uns Auskunft giebt, iſt Herr von Schön, um jene Zeit Mitglied der Geſetzgebungs⸗Kommiſſion. Es iſt ſehr zu bedauern, daß er ſich darüber nicht in ſeinem Tage⸗ buche geäußert hat, denn dies Zeugnis würde, der Zeit und der Stimmung des Verfaſſers wegen, von der größten Bedeutung ſein, alle Notizen aber darüber rühren aus einer ſpäteren Zeit her. Am aus⸗ führlichſten berichtet er darüber in der zweiten Selbſtbiographie ²).

Hier erfahren wir: Bei Steins Abgange fürchteten ſeine Freunde und Geſinnungsgenoſſen, daß jetzt die Zeit der Reformen vorbei ſei und ein allgemeiner Rückſchritt in der Staatsverwaltung ſich geltend machen würde. Um dieſem vorzubeugen, ſchlugen Rhediger und Schön vor, eine Erklärung, eine Aufzählung der ſeitherigen Reformen und der Pläne für die Zukunft enthaltend, in die Welt zu ſchicken. Anfangs wollte man dabei von Stein abſehen; aber da die bedeutendeFirma Steins für die Sache nur günſtig ſein konnte, da ſie ferner glaubten es Stein ſchuldig zu ſein,ihn an dieſer Glorie weſentlich teilnehmen zu laſſen, ſo übernahm es Schön, Stein dieſen Plan mitzuteilen und, da dieſer ſeiner aufgeregten Stimmung wegen unfähig war ſelbſt etwas darüber außzuſetzen, raſch den Entwurf zu machen.(Stein wollte abreiſen, zur Aufſtellung dieſes politiſchen Teſtaments war wenig Zeit.) Nachdem er denſelben Nicolovius und Dohna⸗Wundlaken mitgeteilt und letzterer einige Aus⸗ drücke gemildert, erſterer aber zu den ArtikelnKirche und Schule Gedanken geliefert hatte, las er ihn Stein vor. Dieſer erklärte zwar dem Werke ſeine Firma geben zu wollen, ſchien aber doch damit nicht vollſtändig einverſtanden zu ſein; deshalb zögerte er auch mit der Vollziehung der Exemplare, die für alle männlichen Zweige der königlichen Familie und für alle Mitglieder des Staatsrates beſtimmt waren. Schön drängte ihn, damit die Schrift noch vor Steins Abſchiedsaudienz in die Hand des Königs käme, er wollte dieſem dadurch noch einmal lebhaft vor Augen führen, waser und das Land durch Steins Abgang wahrſcheinlich verlieren würde. Obwohl Stein die Unterſchrift verſprach, voll⸗ zog er dieſelbe nicht bis zur Audienz, ſondern erſt, nachdem er Schön beim Abſchiedsbeſuch noch ein⸗ mal das Verſprechen wiederholt hatte; am Morgen vor ſeiner Abreiſe unterſchrieb er alle Exemplare des Teſtaments und übergab ſie ſeinem Sekretär zur Verſieglung und Verſendung.

In der erſten Selbſtbiographie³) ſchildert Schön ebenfalls die Entſtehungsgeſchichte des Teſta⸗ ments, aber mit einigen Abweichungen von der obigen Erzählung. Darnach ging der Gedanke,die

¹) Aus den Papieren Schöns. B. I. Anlagen S. 121. ²) Siehe: Weitere Beiträge und Nachträge zu den Papieren des Miniſters und Burggrafen von Marienburg Theodor von Schön. Berlin 1881. S. 59 und 60. ) Aus den Papieren Schöns. B. I. S. 57 und 58.