Aufsatz 
Steins Rücktritt aus dem preußischen Ministerium : und das sogenannte politische Testament / von Heil
Entstehung
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Unſeres Ermeſſens iſt dieſe Frage entſchieden zu verneinen. Wenn es wahr iſt, daß die Franzoſen durch Verrat davon benachrichtigt waren, daß Stein in nächſter Zeit wichtige Nachrichten befördern werde(und nicht allein die allgemeine Überlieferung, ſondern namentlich der Verlauf des Er⸗ eigniſſes ſelbſt verbürgt uns dieſe Wahrheit), ſo würde jeder Kurier, der durch die von den Franzoſen beſetzten Provinzen ſeinen Weg nahm, dasſelbe Schickſal wie Koppe erlitten haben, und es dürfte wohl kaum eine Vorſichtsmaßregel anzuführen ſein, die hätte verhindern können, daß der Brief, überhaupt jedes Schriftſtück in die Gewalt der Franzoſen gelangte, ſo wenig auch Stein dies ſelbſt zugeſteht, in⸗ dem er ſchreibt¹):Wenn Herr Koppe nur den zehnten Theil der Mittel angewandt hätte, um ihn (den Brief) zu verwahren, die ihm anzuwenden aufgegeben worden, ſo wäre er nicht in fremde Hände gefallen. Iſt wohl anzunehmen, daß der Briefin einem Wagenpolſter oder in einer hohlen Leiſte des Wagens ²) ſicherer geweſen wäre! Die Franzoſen hätten, im Falle ſie bei der Perſon Koppes ſelbſt nichts fanden, wohl auch Polſter und Wagen unterſucht, und ſie wären wohl dabei ſehr umſichtig zu Werke gegangen. Nein, die Unvorſichtigkeit, deren man Stein anklagen kann, beſtand darin, daß er Gedanken, die ihm ſo verhängnisvoll werden konnten, überhaupt einem Briefe anvertraute, der durch Gegenden ging, die von Franzoſen beſetzt waren, um ſo mehr als es ihm ja nicht unbekannt war, daß er nicht allen Perſonen ſeiner Umgebung volles Zutrauen ſchenken konnte, um ſo mehr als er das rück⸗ ſichtsloſe Verfahren der Franzoſen kannte, die ſich auf jedem nur möglichen Wege Einblick in die Pläne und Abſichten der leitenden Staatskreiſe zu verſchaffen ſuchten.

Es iſt zwar durchaus nicht ſo auffällig, wie es von mancher Seite gefunden wird, daß Stein derartige Eröffnungen dem Fürſten Wittgenſtein macht, ſo wenig vertrauenerweckend ja auch gerade dieſe Perſönlichkeit ſonſt ſein mochte(was übrigens Stein genau bekannt war, vergl. Steins Urteil in der Selbſtbiographie. Er verwirklichte den Grundſatz: ⸗qu'un vrai courtisan doit être sans honneur et sans humeur-); denn der Brief iſt, wie auch Seeley B. II. S. 181 bemerkt, nicht allein als bloßes Begleitſchreiben aufzufaſſen, der das trockene Thema desoffiziellen Schreibens ein wenig anziehender machen ſollte, ſondern Stein ſpricht von Revolten in Heſſen und Weſtfalen, die von Preußen genährt werden müßten, um den Kurfürſten, mit dem ja Wittgenſtein in Unterhandlung ſtand, für die gewünſchten Anleihen geneigter zu machen. Er wollte ihm zeigen, daß er ſein Vermögen gar nicht beſſer als in Preußen anlegen könne, das ja dieſes Geld gleichſam dazu benutze, ihm ſein von Napoleon geraubtes Land wieder zu verſchaffen. Doch mußte Stein, ehe er derartige Betrachtungen dem Papier anvertraute, überlegen, wie gefährlich ein ſolcher Brief in den Händen Napoleons für ihn und den Preußiſchen Staat werden konnte; er würde alsdann wohl ſelbſt gefunden haben, daß ein Kabinett, an deſſen Spitze ein Mann mit ſolchen Geſinnungen ſtand, Napoleon das größte und gerechteſte Miß⸗ trauen einflößen mußte, er würde vorausgeſehen haben, daß Napoleon unter allen Umſtänden ſeinen ganzen Einfluß geltend machen werde, um ihn und ſeine Geſinnungsgenoſſen zu entfernen und un⸗ ſchädlich zu machen. Stein konnte ja immerhin Wittgenſtein derartige Eröffnungen machen, aber dies mußte durch Koppe mündlich geſchehen oder wenigſtens in einem chiffrierten Schreiben, zu dem niemand außer Koppe den Schlüſſel kannte. Alſo noch einmal, nicht in der Wahl Koppes beſtand die Unvor⸗ ſichtigkeit, deren man Stein zeihen kann, ſondern darin, daß er ihn unbedenklich mit einem Brief durch die von den Franzoſen beſetzten Gebietsteile Deutſchlands geſchickt hat.

Der Preußiſche Staat ſowohl, wie Stein ſelbſt mußten dieſe Unvorſichtigkeit bitter entgelten, jener, inſofern als Napoleon den Brief benutzte, um mit ſeiner Entrüſtung darüber und durch ſeinen Zorn den Prinzen Wilhelm in Paxis und den Grafen v. d. Goltz in Erfurt ſo einzuſchüchtern, daß ſie die Konvention vom 8. September unterzeichneten, bezw. die Ratifizierung überreichten, ein Vertrag, der dem armen Lande unerſchwingliche Laſten auferlegte, ſein Heer verringerte und ſein Geſchick an den Willen eines grauſamen Despoten heftete. Stein aber hatte durch dieſen Brief in Napoleon einen perſönlichen Haß erregt, der am liebſten Heere bewaffnet hätte, um den Elenden zu vernichten, der es wagte, das Beiſpiel der Spanier nachahmungswert zu finden. Gleich von Anfang ſtand bei ihm feſt, daß der einfache Rücktritt des Miniſters nicht genügen konnte, ſondern daß er mit Gut und Vermögen jenes Verbrechen ſühnen müſſe. Schon am 10. September ſchreibt Napoleon an Soult: Vous verrez

¹) Vergl. Pertz. B. II. S. 617. ²) Vergl. Pertz. B. II. S. 234.