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Korn. Endlich mißbilligten Leute wie York Steins Anſicht von Volksaufſtänden, dieſer weiſt darauf hin, daß der Volksgeiſt der Deutſchen nicht für Aufſtände à la Vendée oder für eine Sizilianiſche Veſper ſei, ganz abgeſehen davon, daß der ebene Boden Preußens nichts weniger als geeignet dafür ſei ¹).
Eine andere Klaſſe von Männern jener Zeit haßten Stein, weil er, der ausgeſprochene Mann der Aktion, Tag und Nacht auf Mittel ſann, die Franzoſen ſobald als möglich zu entfernen und die Macht Napoleons zu ſchwächen. Obwohl es wirklich in jener Zeit preußiſche Unterthanen gab, die ſich mit dem franzöſiſchen Joche ausgeſöhnt hatten, ſich ſogar wohl dabei befanden, ſo war es bei den meiſten doch nur Furcht, neue Verwirrungen herbeigeführt zu ſehen und in ihrem Alltagsleben geſtört zu werden, was ſie bewog, gegen Stein zu wirken und ihn, wenn möglich, zu verdrängen. Aus dieſem Geſichtspunkte muß man das Vorgehen des Grafen Kalkreuth und des Herrn von Zaſtrow im Auguſt 1808 betrachten.
Wie man ſieht, die Zahl der Gegner Steins, der geheimen ſowohl wie der offenen, war nicht gering, und dieſe Thatſache, die vor jedermanns Auge offen lag, war es ohne Zweifel, die jene weit verbreitete Anſicht über den Rücktritt Steins hervorrief. Iſt es doch außerdem nur natürlich und all⸗ täglich, wegen eines Verluſtes, den wir ſchmerzlich empfinden, andere anzuklagen, wenn wir nur die geringſte Veranlaſſung dazu haben, und ſo war es bei Steins Abgang; ſeine Freunde mögen um ſo mehr dazu geneigt geweſen ſein, als mancher von ihnen ſich nicht der Überzeugung verſchließen konnte, daß durch ſeine Unvorſichkeit Stein ſelbſt einige Schuld beizumeſſen ſei.
Stein geſteht ja in einem Briefe an Scharnhorſt) ſelbſt zu, daß er manchmal übereilt und heftig ſei, und verſchiedene Zeugniſſe beweiſen, daß er es manchmal an der nötigen Vorſicht fehlen ließ.
So ſchreibt Niebuhr an Moltke³):„Es ſcheint ein Dämon im Spiel zu ſein, der ihn von einer Verblendung zur andern fortgeriſſen hat, ihn bald durch Hoffnung, bald durch Verzweiflung, bald durch Sicherheit, bald durch Zutrauen täuſchte und ſo in den Abgrund führte, und dieſes Schickſal ängſtigt mich mehr als alles mit der Furcht, daß er bis in die äußerſte Tiefe des Abgrundes ſtürzen wird“.
Wittgenſtein ſchreibt an Stein ⁴) ſelbſt:„Ich habe es für Pflicht gehalten, Ew. Erzellenz durch Herrn Koppe auf Ihre Gegner aufmerkſam zu machen, da Sie nur das Beſte wollten, ſo that es mir leid, bei mehreren Angelegenheiten die Bemerkung machen zu müſſen, daß die Zahl Ihrer Feinde nicht unbedeutend war. Sie haben dies vorzüglich Ihrer Offenherzigkeit gegen Perſonen zu verdanken, die dieſes Vertrauen nicht zu würdigen wußten.“
Als ferneres Zeugnis dafür kann auch folgende Stelle von Schön) dienen, der dies zwar erſt im Jahre 1853 ſchrieb, alſo zu einer Zeit, wo er, wie ſich in der Folge zeigen wird, nicht mehr un⸗ bedingte Glaubwürdigkeit verdient, der aber in dieſem Punkte wenig verdächtig erſcheint:„Als die Entfernung von Stein auf Napoleons Verlangen, unterſtützt durch eine Hofkabale, bekannt wurde, kam Stein nicht mehr in unſere Verſammlung⁰), denn er wußte, daß jeder von uns davon überzeugt war, daß er durch ſein unüberlegtes und kopfloſes Verfahren dieſe fürs Allgemeine höchſt nachteilige Kriſis herbeigeführt habe“..
Ferner wirft ihm Schön vor, Koppe als Kurier und Überbringer ſo wichtiger Nachrichten wie der Brief an Wittgenſtein benutzt zu haben, der doch allgemein in Königsberg als„ein leichtſinniger Menſch“)) betrachtet wurde, und der ſich bei Stein,„der Alles, was gegen die Franzoſen geſagt und gethan werden konnte, leidenſchaftlich aufnahm“ ⁵), beliebt zu machen wußte,„weil er nur von Auf⸗ ſtänden im nördlichen Deutſchland ſprach“ ⁹).
Beging denn Stein wirklich, kann man fragen, eine ſo große Unvorſichtigkeit, indem er Koppe zum Überbringer des Briefes an Wittgenſtein wählte, und iſt die Wahl dieſer Perſon für die ver⸗ hängnisvollen Folgen dieſes Ereigniſſes verantwortlich zu machen?
¹1) Vergl. Seeley. Life and times of Stein. B. II. S. 196.— ²) Vergl. Pertz. B. II. S. 184.— ³) Vergl. Pertz. B. II. S. 326.— ⁴) Vergl. Pertz. B. II. S. 329.— ⁸) Vergl. Schön. B. IV. S. 582.— ⁶) Schön meint die wöchentlichen Verſammlungen ihres Geheimbundes, 1808 in Königsberg auf den Vorſchlag des Feldpropſtes Röckner geſchloſſen, dem außerdem Scharnhorſt, Stein, Nicolovius, Gneiſenau und Süvern angehörten, und„der Mittel ſuchen ſollte, durch welche die Schmach, welche auf dem Vaterland haftet, entfernt werde könne“.(Vergl. Schön, B. IV. S. 571.)— *) Vergl. Schön. B. IV. S. 567.—) Vergl. Schön. B. IV. S. 567.— ⁹) Vergl. Schön. B. IV. S. 567.


