Aufsatz 
Der Panathenaikos des Isokrates
Entstehung
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Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Wird Sparta deshalb so scharf getadelt, weil es sich gegen die Versöhnungsidee des Isokrates ablehnend verhielt, in selbsüchtiger Politik den Peloponnes zu beherrschen suchte und dadurch auch Philipps Plänen im Wege stand?) Allein seit Leuktra hatte es ja kein anderes Ziel als die Wiedereroberung seiner Machtstellung auf der Halbinsel; der Archidamos wäre somit unbegreiflich. Dazu wären die Angriffe berechtigter, wenn sie sich gegen ein einigermaßen erstarktes Sparta richteten; doch war dieser Staat damals ohnmächtiger als je,²) wie sich beim Falle von Olynthos und von Perinthos zeigte, wo ihn keine Wallung des Zornes und der Entrüstung erfaßte, wie sie Athen ergriff, sondern nur weh- mütiges Bedauern. Und so gleichgiltig und interesselos blieb Sparta, daß es selbst bei Chäroneia nicht an der Seite der hellenischen Stammesbrüder kämpfte; an demselben Tage, an dem die Freiheit von Hellas vernichtet wurde, fiel König Archidamos in Italien als Mietsman der Tarentiner. ³)

Schwerer wiegt wohl die Rücksichtnahme auf Philipp, dem Isokrates blindes Zutrauen entgegenbrachte; allein in diesem Punkte war damals Zurückhaltung geboten. Das Verhältnis des Königs zu Athen war schon, als der Panathenaikos begonnen wurde, gespannt und wurde durch die Kriegspolitik des Demosthenes immer bedenklicher, bis endlich der Krieg wirklich losbrach, nachdem Philipp Thrakien erobert und im Jahre 340 Byzantion und Perinthos angegriffen hatte. Nun versuchte sich Demosthenes sogar Theben zu nähern, dessen Heer für die Seemacht Athen von großem Werte war; er hatte Erfolg, denn weder Theben noch Athen nahmen an dem bald darauf fallenden Feldzug der Amphiktionen gegen Amphissa teil. Noch vor Herbst des Jahres 339, wo Philipp wegen der Mißerfolge der Amphiktionen den Oberbefehl in diesem Kampfe angeboten erhielt und annahm, ist die Veröffentlichung des Panathenaikos anzusetzen.¹) Offen durfte also Isokrates seine Sympathien für den Makedonen oder seine etwaigen Antipathien gegen dessen Feinde nicht zeigen und dafür, daß er sich dessen bewußt war, spricht das verschleierte Lob des Königs in den Enkomien auf Agamemnon und Theseus.

Es läßt sich demnach nicht leugnen, daß die heftigen Angriffe gegen das geschwächte und mit Athen verbündete Sparta nicht nur unzeitgemät waren, sondern auch der schriftstellerischen Vergangenheit des Isokrates, besonders seinem Archidamos, geradezu widersprachen. Unter diesen Um- ständen muß es befremden, datz sich der Redner für eine Behandlung seines Themas entschied, bei der es fast unmöglich war, die bemängelten Ubel- stände zu umgehen.

Ein Enkomion auf Athen auf der Basis des Vergleiches mit Sparta war von vorneherein keine unbedingte Notwendigkeit; daß man es ohne durch-

¹) Blass S. 93, Brand S. 60 A. 1.

²) Panath. 58. Aus diesem Grunde möchte Oncken, Isokr. u. Athen S. 24. 32 die feindselige Stimmung des Redners gegen Sparta als Nachwirkung der Ubergriffe desselben während seiner Hegemonie erklären; aber auch dann pleibt der Archi- damos ein Rätsel. Vgl. Blass S. 93 A. 3.

³) Schäfer a. a. 0. III ² 42.

¹) Wäre er erst 338 herausgegeben(Wilamowitz a. a. 0. II 380 A. 1), so müßte er doch, sollte man denken, die Ereignisse dieses Jahres merken lassen.