Aufsatz 
Der Panathenaikos des Isokrates
Entstehung
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gehende Widerlegung der Behauptung seines Gegners ein, noch dazu auf Grund einer Auffassung seiner Worte, die, wie aus dessen Antwort(§ 217) hervorgeht, zum mindesten nicht notwendig war.¹) Entzieht nun auch dieser Umstand der Entgegnung des Redners eigentlich den Boden, so ist sie doch. inhaltlich, wie der Lobredner Spartas selbst zugibt(§ 215), unanfechtbar und die Widerlegung der restringierten Behauptung desselben(§ 218228), gestützt auf größtenteils aus der Rede selbst geschöpfte Argumente, ist es gleichfalls: beschämt muß der Gegner das Feld rüumen. Um so unbe- greiflicher erscheint die Reue des Isokrates und sein Gedanke, die Rede zu vernichten. Der Ton seiner Widerlegung steht an Schärfe und Heftigkeit dem in der Rede selbst angeschlagenen nicht nach, er geht aus dem Wort- kampfe als Sieger hervor, nichts läßt auf eine solche Sinnesänderung schließen; und da soll sich nun in dem Manne, der drei Jahre Zeit hatte, seine Schrift zu überlegen, in der er im großen und ganzen dieselben Vorwürfe erhebt wie vor mehr als vierzig Jahren, infolge einer Einrede, die er glänzend zurückweist, und trotz dem Lobe, für das der eitle Rhetor so empfänglich war, in einigen Tagen(§ 231) ein derartiger Umschwung vollziehen, daß er seine Darlegung über Sparta verwirft und ganz und gar töricht nennt(§ 232)7 Ferner betont er im Verlaufe der Rede mehrfach, daßt er keinen Widerspruch erwarte(§ 62. 108 f. 155. 182), trägt in derselben durchwegs große Zuversicht zur Schau und war auch nicht der Mensch, über seine Leistungen schlechthin den Stab zu brechen.

Ist somit des Meisters Umwandlung unglaublich und rätselhaft, so ist es das Verhalten des Spartanerfreundes bei der zweiten Unterredung nicht minder. Gleich seine einleitenden Worte, er finde an den Kußerungen über Sparta nichts Bedenkliches(§ 235), widersprechen den§ 201. 216 und dem leitenden Gedanken der ersten Einrede überhaupt; aber auch sonst stimmen seine Ausführungen ebensowenig zu§ 216, wo er die Richtigkeit des über Sparta gefällten Urteils zugibt, wie zu§ 230, wonach ihm die Erkenntnis des wahren Wesens der Lakedämonier in höherem Grade erschlossen wurde, als er sie bisher besessen hatte; denn er ist anscheinend von ihrer Tüchtigkeit nicht weniger überzeugt als vorher.

Vollends schlimm bestellt ist es aber mit dem angeblichen Doppel- sinne der Rede(§ 240). Sie soll ein zweifaches Gesicht haben, eines für die blöden Augen der großen Menge, das andre für den scharfen Blick der Verständigen. Mit sophistischer Kunst werden alle Vergehen, die den Lake- dümoniern zur Last gelegt werden, in ebensoviele Ruhmestitel verwandelt und so eine völlige Verdrehung der Schrift vorgenommen; denn aus all den Schmühungen und Vorwürfen ein Lob Spartas herauszulesen, ist bei dem besten Willen unmöglich; man vgl. besonders§ 90 ff. 178 ff. 181 ff., ferner § 271, wo die Rede als wahrhaft bezeichnet wird.

Diese ganze Auslegung, die den Panathenaikos zu einem Enkomion Spartas stempelt(§ 261 Ende) und recht eigentlich auf den Kopf stellt, denn er soll doch ein Lob Athens auf Kosten seines peloponnesischen Rivalen sein

¹) Ist der Gegner wirklich der Verfasser der oben erschlossenen Gegenschrift, dann würde er hier zum zweitenmale bekämpft; denn dieselben Tugenden wie hier, werden den Lak. schon im zweiten Teile der Rede§ 183. 187 abgesprochen.