Aufsatz 
Der Panathenaikos des Isokrates
Entstehung
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Denn er habe wirklich beide Staaten gebührend gelobt, Athen nach der Meinung der Menge, Sparta nach der jener wenigen, die nach der Wahrheit strebten. Daher rate er, die Rede nicht zu vernichten, sondern sie unter Beischließung sämtlicher Beratungen über dieselbe zu veröffentlichen.

Zu diesen Ausführungen hätten die Zuhörer den Spartanerfreund lebhaft beglückwünscht und sich vollkommen damit einverstanden erklärt; er selbst (Isokrates) habe sein Talent und seinen Eifer gelobt, doch darüber, ob er seine Absicht erraten oder nicht, sich mit keinem Worte geäußert(§ 234 265).

Dieser sonderbare Anhang verdient eine Untersuchung auf sein Ver- hältnis zur Rede, der er beigegeben ist. Zunächst muß man sich billigerweise fragen, wie Isokrates, nachdem doch sein Werk den Beifall der Zuhörer gefunden hatte, auf den Einfall kommen konnte, das Gutachten eines Lobredners der Lakedämonier darüber einzuholen. Die gegen Sparta geschleuderten Anklagen sind, wenigstens im ersten Teile der Rede, wesentlich dieselben, die er schon in seinem hochgefeierten Panegyrikos vorgebracht hatte; obwohl aber damals die allerdings berechtigte Schärfe dieser An- schuldigungen dem Zwecke der Rede, der Versöhnung der beiden größten Gemeinwesen Griechenlands zum gemeinsamen Kampfe gegen Persien, voll- kommen entgegenlief, war es ihm doch nicht beigefallen, seine Leistung der Kritik eines Verteidigers der Spartaner zu unterbreiten. Hier aber war es in erster Linie auf das Lob Athens abgesechen, erst in zweiter kam der Feldzug gegen die Barbaren in Betracht, auch hatte er den Gedanken an die Doppel- hegemonie von Athen und Sparta längst aufgegeben; sein Hoffen und Wün- schen war jetzt auf Philipp gerichtet und wenn er auch noch 346 an den König mit der Bitte herangetreten war, die vier bedeutendsten Städte in Hellas zu versöhnen und sich dann an die Spitze ihrer vereinten Macht zu stellen, so brauchte er doch, sollte man meinen, auf Sparta jetzt nicht mehr Rücksicht zu nehmen als im Jahre 380. Allein die Invektiven gegen diesen Staat scheinen ihm trotzdem Sorge bereitet zu haben und das legt von vorne- herein die Vermutung nahe, daß er beide Zusammenkünfte weit eher um der Rede als um des Spartanerfreundes willen, wie Brand meint, ¹) veranstaltet habe. Dazu kommt, daß die Ausführungen desselben einerseits tatsächlich widerspruchsvoll, andrerseits im Hinblick auf die Rede geeignet sind, berech- tigtes Staunen wachzurufen.

Isokrates bemerkt§ 155 ausdrücklich, er denke an den Kämpfen und Kriegen Athens klar nachzuweisen, daß die Spartaner die Kriegskunst weder früher geübt noch besser angewendet hätten als seine Mitbürger;²) der Spartanerfreund durfte somit, nachdem er die Rede gebilligt hatte(§ 201), ja selbst nach der Einschränkung dieser Billigung(§ 215), den Lakedämoniern weder die Erfindung(§ 202) noch die vorztiglichste Anwendung jener Kunst zuschreiben(§ 217). ²) Statt aber diesen Widerspruch kurz aufzuweisen, womit jede weitere Erörterung überflüssig wurde, läßt sich Isokrates auf eine ein-

¹) S. 59 1.

²) Gegen Blass, der den versprochenen Nachweis vermißt(S. 312 A. 8), scheint mir Brand S. 48 A. 1 richtig zu bemerken, daß er in der Darlegung der Kriegstaten implicite enthalten sei. Zu§ 155 vgl. Isokr. XVI 11, wonach die Lak. die Kriegs- kunst von Alkibiades gelernt haben sollen.

³) So richtig Lehmann S. 58 ff. im Gegensatze zu Brand S. 50.