Aufsatz 
Der Panathenaikos des Isokrates
Entstehung
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Der Inhalt der Gegenschrift, die über den Staat der Lakedämonier handelte, würde sich aus unserer Rede in einzelnen Punkten genauer er- schließen lassen; sie muß behauptet haben, die Lykurgische Verfassung wäre das Vorbild der athenischen gewesen, denn Isokrates bekämpft diese Ansicht (§ 152), sie muß ferner die Kriegstaten der Spartaner unter Hervorhebung ihrer Besonnenheit, Disziplin, Frömmigkeit und Gerechtigkeit gepriesen haben, denn auch gegen dieses Lob wendet sich der Redner(§ 111. 151, vgl. 177 188).

Wer war nun der Verfasser jener Gegenschrift, wenn eine solche wirklich vorauszusetzen ist, was ich für wahrscheinlich halte? Isokrates deutet mit keiner Silbe auf ihn hin, doch spricht dies noch nicht gegen seine Existenz; in der Helena z. B. erwähnt er wohl seinen Gegner, verschweigt aber dessen Namen; so konnte er auch, falls es sich um eine bekannte Persönlichkeit und ein bekanntes Werk handelte, wohl erwarten, daß man seine Widerlegung richtig beziehen werde, auch wenn er nicht ausdrücklich betonte, wem dieselbe galt. Teichmüllers Ansicht, daß Plato und dessenGesetze bekämpft würden, ist schon erwähnt worden; sie ist, wie Blass¹) mit Recht betont, wenig über- zeugend. Ansprechender ist der Gedanke, jenen Autor und den Lobredner Spartas, der im Anhange eine hervorragende Rolle spielt, für identisch zu erklären, denn manche Beziehungen, die zwischen dem Anhange und der zweiten Hälfte der Rede bestehen, lassen sich dafür geltend machen. Aber freilich bietet uns Isokrates zur Bestimmung der Persönlichkeit jenes Spartaner- freundes nur unzulängliche Anhaltspunkte: er war kein Athener, denn er hatte in einem oligarchischen Staate gewirkt, zählte zu den Schülern des Meisters und wird als gewandter, vielerfahrener Mann und vorzüglicher Redner gerühmt(§ 200. 229. 237. 241 f.). Diese ziemlich allgemeinen An- gaben geben bei der Lückenhaftigkeit, an der unsere Kenntnis jener Zeit vielfach leidet, der Kombination nicht geringen Spielraum. Die Annahme von Beckhaus,²) es sei Xenophon der Jüngere, erweist sich als unhaltbar, weil ein solcher Xenophon wahrscheinlich überhaupt nicht gelebt hat, auch die von Wolf³) ausgesprochene und von Brand4) wieder aufgenommene Ver- mutung, man habe an den Historiker Theopomp zu denken, läßt sich nicht hinreichend begründen; möglicherweise hingegen ist es, wie Bergk) will, Dioskurides, der eine wenigstens zwei Bücher umfassende Schrift über Ver- fassung und Sitten der Lakedämonier herausgab.

Ich gehe zu dem Anhange über, dessen Inhalt ausführlich mitgeteilt werden muß. Isokrates erzählt, als die Rede so weit gedichen, daß nur mehr der Abschluß fehlte(also bis§ 198), habe er sie zunächst einigen Schülern gezeigt, die sie gebilligt hätten, dann aber einen ehemaligen Schüler und Lobredner der Lakedämonier holen lassen, damit dieser etwaige Unrichtig- keiten in derselben aufdecke. Dieser habe sich nun sonst mit allem ein-

¹) S. 324 A. 4.

²) Xen. d. J. u. Isokr.(Progr. Rogasen 1872); Zeitschr. f. Gymn.-W. 1872, S. 225 ff.; dagegen Blass S. 322. 483 ff.

³) Isocratis omnes orat., Basileae 1548, p. 18.

4) S. 51 ff., dagegen Blass S. 322 A. 5.

) Fünf Abhdl. S. 24 f. 80; für diese Möglichkeit auch Blass S. 322 A. 5 und Wila- mowitz a. a. 0. I 133 A. 20.