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Zu diesem Ubelstande gesellen sich die zahlreichen, mehrfach wörtlichen Anlehnungen und Entlehnungen; der Panegyrikos, der Areopagitikos und der Symmachikos müssen herhalten. Dies gilt schon für den ersten Teil bei der Behandlung der Perserkriege, der Dekarchien, der Friedensschlüsse mit Persien und der Anschuldigungen wegen der Secherrschaft, weit mehr noch aber für den zweiten bei der Schilderung der Verfassung des alten Athen und der Kriege.
So gewinnt man tatsächlich den Eindruck, als wäre die Angliederung dieses Abschnittes ursprünglich nicht beabsichtigt gewesen, als habe sich der Redner bei dessen Abfassung durch das im Vorausgehenden verwertete Material beengt gefühlt. Dem gegenüber kann die Erklärung nicht genügen, mit der Isokrates die Erweiterung seines Themas begründet, er vermute, die Freunde Spartas würden gegen die Verdienste Athens die Vortrefflichkeit der Lykur- gischen Verfassung ins Treffen führen, so daß ihm der Nachweis geboten erscheine, Athen gebühre auch hierin die Palme(§ 112 f.). Lag diese Ver- mutung so nahe, sie hätte sich ihm wohl schon beim Entwurf der Rede auf- gedrängt. Man fühlt sich daher versucht anzunehmen, daß der Redner seinen wahren Grund nicht nenne, und es hat viel für sich, denselben in dem Erscheinen einer Schrift von gegnerischer Seiteu) zu suchen, die zur Zeit, da er seine Rede begann, noch nicht vorlag;²) im Zusammenhange damit lüßt es sich glaublich machen, daß er jenen zweiten Teil erst nach der durch seine Erkrankung eingetretenen Unterbrechung schrieb.
Aus§ 266 ff. erfahren wir nämlich, daß Isokrates den im Alter von 94 Jahren begonnenen Panathenaikos(§ 3) infolge eines schweren Leidens unterbrechen mutte und erst nach dreijähriger Pause das zur Hälfte vollendete Werk(§ 267) zu Ende führte. Die Mitte der eigentlichen Rede fällt nun tatsächlich, mag man das Vorwort mitrechnen oder nicht, mit dem Schlusse des ersten Teiles(§ 107) ungefähr zusammen, so daß die vermutete Gegen- schrift nach dem Jahre 342 anzusetzen würe. ³)
Die Mängel in der Komposition der Rede würden sich somit teilweise auch aus der Störung des Grundplanes erklären lassen und wären nicht bloß auf Rechnung der hohen Jahre des Verfassers zu setzen, denn die Kunst des Isokrates hatte freilich schon im Symmachikos nachzulassen begonnen, auch der Philippos reicht an sein Vorbild, den Panegyrikos, nicht heran; es ist aber zu beachten, daß Vorwort und Anhang des Panathenaikos vom Haupt- teile vorteilhaft abstechen.¹) Dazu kommt, daß die Schrift relativ sehnell verfaßt wurde, denn sie wurde kurz vor den großen Panathenäen begonnen (§ 17) und sollte wohl zu denselben erscheinen; gilt diese Erwügung wegen der durch die Krankheit verursachten Unterbrechung der Arbeit zunächst für die erste Hälfte, so scheint sich dasselbe für die zweite aus§ 268 zu ergeben.
5 ¹) So nahm Lehmann an, ein Schüler des Isokr. habe gegen den ersten Teil(Tadel Spartas) eine Schrift über den Staat der Lakedämonier zu deren Verteidigung herausgegeben. 4
²) Möglich ist auch, daß er bloß auf Kußerungen in spartanerfreundlichen Kreisen reagiert, die nach Bekanntwerden des ersten Teils der Rede(vgl.§ 268) fielen. Wilamowitz, Aristoteles und Athen I 133 A. 20 denkt an eine nach Leuktra ver-
faßte Schrift über Sparta. Blass S. 326.
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