dichten der früheren Periode und denjenigen, die aus dieſer und der nachfolgenden Zeit ſtammen. In jenen iſt bei aller Dichterkraft und allem Dichterfeuer, das ſie verrathen, der Entwurf oft noch roh, die Stoffe ſind ſo unförmlich, die Sprache noch ſo forecirt; ſie ſind nicht frei von Uebertreibungen und Un⸗ geheuerlichkeiten, nicht frei von allzu ſichtbarem Haſchen nach Effekt. Man denke nur an die Räuber, in denen ſo recht das Maaßloſe und Schrankenloſe, ja Monſtröſe eines ungeſchulten Dichtergenie's zu Tage tritt, an die, ſeine republikaniſchen Ideen darſtellende Verſchwörung des Fiesco, in der ſich der Dichter durch die Lebhaftigkeit ſeiner Empfindung zu einer noch unnatürlicheren Sprache hinreißen läßt, an Kabale und Liebe, ein Stück, welches eben wegen ſeiner Uebertreibungen von anerkannten Kri. tikern für eine Karikatur, und zwar für eine höchſt widrige, erklärt worden iſt. Daſſelbe wie im Drama zeigt ſich auch auf dem Gebiete der Lyrik. Diejenigen Gedichte, welche in die Zeit vor der Entwickelung Schillers durch ernſtere wiſſenſchaftliche Studien fallen, zeigen dieſelbe Ueberſchwenglichkeit des Gefühls und der Phantaſie, dieſelbe Ueberladenheit der Phraſeologie, dieſelbe Leidenſchaftlichkeit und Unruhe eines noch nicht zur vollen Beherrſchung des Stoffes gelangten Dichtergenies. In ihnen gibt ſich, um mich der Worte Julian Schmidt's zu bedienen,(Schiller und ſeine Zeitgenoſſen, p. 46),„überall ein Jagen nach ſinnlichen, faſt durchweg häßlichen Bildern zu erkennen; ein wildes Durcheinanderwogen der Ge⸗ danken und Empfindungen, die nicht aus dem Herzen hervorquellen, ſondern durch künſtliches Feuer in Gährung gebracht ſind; ein fieberhafter Drang, gerade dasjenige auszumalen, was das Schönheitsgefühl dem Blick zu entziehen ſtrebt. Noch auffallender aber iſt die unvollkommene Herrſchaft über den Aus⸗ druck. Faſt überall, wo der Dichter ſich bemüht, den Gedanken ſinnlich vor's Auge zu ſtellen, verfällt er in Schwulſt: ſeine Sinnlichkeit wird durch Grübelei, ſein Gedanke durch medieiniſche Vorſtellungen verwirrt.“
Es ließe ſich mit leichter Mühe eine Auswahl der übertriebenſten und ſchwülſtigſten Ausdrücke zuſammenſtellen, die eines Lohenſtein und Hoffmannswaldau nicht unwürdig ſind. Statt vieler anderen führe ich nur eine Stelle aus der Leichenphantaſie an:
Zitternd an der Krücke Wer mit düſterm, rückgeſunknem Blicke, Ausgegoſſen in ein heulend Ach, Schwer geneckt vom eiſernen Geſchicke, Schwankt dem ſtummgetragnen Sarge nach? Floß es„Vater“ von des Jünglings Lippe? Naſſe Schauer ſchauern fürchterlich Durch ſein gramgeſchmolzenes Gerippe, Seine Silberhaare bäumen ſich.
Aber ſeitdem Schiller in die Welt des Hellenenthums eingedrungen, ſeitdem an die Stelle der oberflächlichen Bekanntſchaft mit den Alten eine gediegene, durch ernſte Studien errungene Bildung ge⸗ treten iſt, ſeitdem er die ruhige Klarheit, beſonnene Maßhaltung, edle Harmonie und ächt künſtleriſche Formvollendung der ewig muſtergültigen griechiſchen Dichterwerke kennen gelernt und ſich nach ihnen zu bilden angefangen, ſeitdem tritt Schiller heraus aus der Zeit des form⸗ und zielloſen Strebens, heraus aus der Zeit der überſprudelnden und unklaren Jugend, und ſeine Werke erhalten von nun an eine wahrhaft klaſſiſche Vollendung. Allerdings trugen auch die ernſten philoſophiſchen und hiſtoriſchen Studien, denen er ſich mit allem Eifer gewidmet hatte, zur Abklärung und Beruhigung des mit der Welt und ſich ſelbſt im Kampfe begriffenen Dichters bei und„engten ſeine bis dahin formloſen und unſtäten Anſchauungen in die feſten Ufer ſtrenger Begriffe“(Vilmar p. 260), allerdings übte beſonders auch der anregende und fördernde Verkehr mit Göthe einen höchſt vortheilhaften Einfluß auf die Geſtaltung der Schiller ſchen Poeſie, ſo daß aus dieſen beiden Momenten ſchon die größere Reife ſich erklärt, die die Gedichte der zwei⸗ ten Periode vor denen der erſten auszeichnet; allein nicht minder einflußreich auf Schillers Entwickelung war der antike Geiſt der alten Dichtwerke, den er in ſich aufgenommen, der Geiſt des Maaßes, der Ver⸗ ſöhnung, der naiven heiteren Schönheit, der ihn, wenn er auch nicht im Stande war, ſeine poetiſche Richtung ganz umzugeſtalten, doch immer mehr zur Klarheit über das Weſen der Kunſt und zu immer größerer Formvollendung erhob. Ich habe Ihnen, verehrte Anweſende, ſchon vorhin eine Reihe lyriſcher


