Aufsatz 
Bericht über die Schillerfeier des Gymnasiums zu Neuss
Entstehung
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es gibt kaum ein Gedicht Schillers aus ſeiner beſſeren Zeit, das nicht die deutlichſten Spuren aufwieſe von dem großen Einfluß, den das Studium des Alterthums auf ihn ausgeübt hat. In den einen iſt es der Stoff, den er den Schriften der Alten entlehnte, wie, um ſtatt hundert anderer nur einige der be⸗ kannteſten anzuführen, in den Gedichten: Hektors Abſchied, das Elyſium, Semele, Hero und Leander, Caſſandra, die Bürgſchaft, die Kraniche des Ibykus, der Ring des Poly. krates, die Klage der Ceres, das Siegesfeſt, das verſchleierte Bild zu Sais. Andere ſind geradezu Ueberſetzungen und Bearbeitungen dichteriſcher Erzeugniſſe der Alten, wie die Hochzeit der Thetis, Iphigenie in Aulis, Phädra, ſowie das 2. und 4. Buch der Aeneide des Virgil, ein Werk, in deſſen Vorrede Schiller ſelbſt über die Vortrefflichkeit der alten Dichtung hinſichtlich der ſprachlichen Darſtellung ein rühmliches Zeugniß ablegt, indem er ſich jede Vergleichung ſeiner Arbeit mit der unerreichbaren Diktion des römiſchen Dichters auf' feierlichſte verbittet, da ſie unausbleiblich zu ſeinem Nachtheile ausfallen müßte. Wiederum andere athmen ſo ſehr den Geiſt des Alterthums, daß man, um ſie recht verſtehen und genießen zu können, ſich ganz in die Denk. und Anſchauungsweiſe der Alten verſetzen muß. Ich führe beiſpielsweiſe die Dithyrambe an, den Spaziergang, das eleu. ſiſche Feſt und vor allen die Götter Griechenlands, worin ſich eine ſo heiße Sehnſucht nach der poetiſchen Betrachtung der Dinge, wie ſie ſich bei den Hellenen einſt auf eine herrliche Weiſe in's Leben gebildet hat, ausſpricht, daß man behauptet hat, Schiller habe im Ernſt gewünſcht, die Religion der Griechen zurückrufen zu können. Aber auch die meiſten anderen, wenigſtens die beſten und ge⸗ diegenſten, tragen überall das Gepräge der klaſſiſchen Bildung, ſei es in einzelnen Anſpielungen oder im Gebrauche mythologiſcher Bezeichnungen oder in der Anwendung antiker Versformen;in allen blickt, wie Wilhelm von Humboldt ſo ſchön ſagt, der antike Geiſt wie ein Schatten durch das ihm ge⸗ liehene Gewand; manche tragen die Farben des Alterthums ſo rein und treu an ſich, als man es nur irgend von einem modernen Dichter erwarten kann. Der Dichter hat den Sinn des Alterthums in ſich aufgenommen, er bewegt ſich darin mit Freiheit und ſo entſpringt eine neue, in allen ihren Theilen nur ihn athmende Dichtung.

Aber noch mehr. Schiller ſteht nicht nur mit allen anderen Heroen unſerer Literatur auf dem gemeinſamen Boden der klaſſiſchen Bildung, auch aus dem Entwickelungsgange, den er ſelbſt genom⸗ men, läßt ſich auf's ſchlagendſte nachweiſen, daß das Studium der Alten es hauptſächlich war, welches ſeinen Werken jene Gediegenheit und vollendete Schönheit der Form gab, die wir ſo ſehr an ihnen bewundern. Bekanntlich hat Schiller in ſeiner Jugend nur eine oberflächliche Kenntniß der Alten gewonnen. Erſt in Weimar fing er an, die Alten fleißiger zu leſen, wo Wieland beſonders ſich um Schillers Bildung das Verdienſt erwarb, daß er ihn nachdruͤcklich auf die Griechen hinwies und in ihrem Studium ſo ſehr feſt. hielt, als es nur ſeine anderweitigen Arbeiten erlaubten. Und mit welchem Eifer betrieb er es!Kann ich wohl etwas Beſſeres thun, ſagt er in einem Briefe vom Jahre 1795, kann ich wohl etwas Beſſeres thun, als mich mit der ſchönen Natur der Alten zu umgeben und im eigentlichen Sinne unter ihnen zu leben? Das iſt mein ernſtlicher Vorſatz, und um dieſen auszuführen, habe ich auch allen ſpeeulativen Arbeiten und Leſereien auf unbeſtimmte Zeit entſagt. Was ich leſe, ſoll aus der alten Welt, was ich arbeite, ſoll Darſtellung ſein! In die alte Welt und Dichtung war er bisher noch, wenig eingedrungen. Jetzt fühlte er lebhaft das Bedürfniß, das Verſäumte nachzuholen. Wie er erſt nachträglich als Profeſſor der Geſchichte angefangen hatte, die alten Quellen zu ſtudiren, um ſeinen hiſtoriſchen Stil zu bilden,(be⸗ ſonders merkwürdig iſt, was er darüber an Körner ſchreibt: Ich habe den Livius mit hierher(nach Rudolſtadt) genommen, den ich jetzt zum allererſten Mal leſe, und der mir überaus viel Ver⸗ gnügen gibt. Warum habe ich nicht Griechiſch genug gelernt, um den Xenophon und Thucydides zu leſen?), ſo warf er ſich jetzt mit allem Eifer auf die Lektüre der alten Dichter, weil er fühlte, daß in dieſen ihm ein neuer Lebensquell aufging. Dies geht unter Anderem aus einem Briefe an Körner her. vor, dem er ſchrieb, er bedürfe der Alten, um ſeinen eigenen Geſchmack zu reinigen, der ſich durch Spitz⸗ findigkeit, Künſtelei und Witzelei ſehr von der wahren Simplicität zu entfernen anfing. Der Erfolg dieſer ſeiner Studien war ein ſo günſtiger, daß gerade mit der Zeit, wo er ſie begann, die zweite Periode ſeiner Entwickelung zuſammenfällt. Und in der That, auffallend genug iſt der Unterſchied zwiſchen den Ge.