Es iſt eine bekannte Thatſache, daß der Zeit, in welcher ſich unſere Literatur zu ihrer höchſten Blüthe entfaltete, eine Periode vorausging, in der die deutſche Poeſie nichts anders war, als eine Poeſie der Gelehrſamkeit. Länger als zwei Jahrhunderte war die Literatur der Griechen und Römer bei uns Gegenſtand des eifrigſten, angeſtrengteſten, allgemeinſten Studiums, täglicher Lektüre und unbedingter Verehrung geweſen; länger als zwei Jahrhunderte hat ſich der deutſche Geiſt gedemüthigt vor den Frem⸗ den und iſt bei ihnen in die Schule gegangen.(Vergl. Vilmar, Geſchichte der deutſchen National⸗Lite⸗ ratur, Bd. II p. 130). Es iſt wahr, daß dieſe Abhängigkeit lange Zeit hindurch alle eigenthümlich deutſche Dichtung faſt ganz vernichtet hatte, daß man lange jene edlen Erzeugniſſe des Römiſchen und Griechiſchen Geiſtes als bloße Fundgruben für ſchön gedrechſelte Phraſen mißhandelte, daß man lange Zeit nur ſteife und hölzerne Nachahmungen des Antiken zu Stande brachte, weil über den innern Werth der antiken Dichtungen noch völlige Bewußtloſigkeit herrſchte. Es iſt aber ebenſo wahr, daß dieſe, wenn man wlll, ſleaviſche Nachahmung doch endlich dem deutſchen Geiſte die herrlichſten Früchte getragen, daß ſie für die Entwickelung der deutſchen Sprache und Poeſie die ſegensreichſten Folgen gehabt hat. Als die lange Schulzeit vollendet war, als das ſo lange Betriebene und ſo eifrig Erlernte in Saft und Blut verwandelt, als es wahres und wirkliches Eigenthum des deutſchen Geiſtes geworden war, da haben wir uns, wie keines unſerer Nachbarvölker, den dichteriſchen Geiſt der Alten zu eigen gemacht und ihn in unſer innerſtes Sein und Weſen aufgenommen, da ſind wir, wie Vilmar(Bd. II p. 131) treffend ſagt, hinausgekommen über das prompte Citiren von allerlei Stellen aus Cicero, Horaz und Virgil, aus Homer, Plato und Demoſthenes, da ſind ihre dichteriſchen Maaße und Formen die unſerigen, ihre Anſchauungen die unſerigen, ihre Gedanken die unſerigen geworden. Erſt nachdem die gelehrte Bildung fuͤr einen großen Theil des Volkes zur zweiten Natur geworden, da war der Boden bereitet, auf dem die deutſche Poeſie Wurzel ſchlagen, kräftiges Wachsthum treiben und ſich zur herrlichſten Blüthe entfalten konnte.
Bedarf es noch eines Beweiſes für dieſe ſo tief eingreifende Wirkung der klaſſiſchen Studien auf die Geſtaltung unſerer Literatur, ſo weiſe ich auf Klopſtock hin, der zuerſt die Maaße und Formen des Alterthums ſo glücklich dem Geiſte der deutſchen Sprache angepaßt und mit deutſchem Stoffe erfüllt hat; der zuerſt wieder aus den Alten den großen Plan eines Epos, den kühnen Gedanken einer begeiſterten Ode geſchöpft hat(Vilmar p. 131); ich weiſe auf Leſſing hin, der mit noch größerer Energie als Klopſtock, mit noch weit klarerem Bewußtſein und mit ungleich bedeutenderem Erfolge das antike Element vertreten hat, ſo daß nicht mit Unrecht Klopſtock als der Wegweiſer, Leſſing als der Führer auf der Bahn der Antike bezeichnet wird. Ich weiſe auf Herder hin, der, in ſeiner Jugend genährt durch die Lektüre der Alten und namentlich des Homer, überall in ſeinen, das rechte Verſtändniß fremder Dichtwerke anregenden, das Bewußtſein weckenden und erhöhenden Schriften vorzugsweiſe auf die Muſter der griechiſchen und römiſchen Poeſie hinweiſt; ich berufe mich auf Wieland, der zwar ſei⸗ nem ganzen Weſen nach ſich mehr zu der leichteren, frivolen Lebensanſicht der gleichzeitigen franzöſiſchen und engliſchen Schriftſteller hinneigt, aber dennoch mit ſeiner ganzen Bildung und Anſchauungsweiſe auf dem Boden des klaſſiſchen Alterthums ſteht, und gerade in den Werken am größten iſt, in welchen ſich der Geiſt der Griechen am meiſten wiederſpiegelt. Und wer weiß nicht, daß auch der größte Genius unſerer Neuzeit, daß Göthe den hohen Werth der altklaſſiſchen Studien nicht nur an vielen Stellen ſeiner Werke rühmend hervorhebt, ſondern auch thatſächlich dadurch bewieſen hat, daß er ſich in reiferem Alter
unausgeſetzt mit ihnen beſchäftigte und gerade durch ihren Geiſt geläutert und gehoben, das Edelſte ge⸗ ſchaffen hat, deſſen ſeine Muſe fähig war.
Wenn nun hieraus unwiderleglich hervorgeht, daß unſere ganze Literatur in ihren hervorragendſten Erſcheinungen auf dem Studium des klaſſiſchen Alterthums und der durch ſie hervorgerufenen Bildung be⸗ ruht, und zwar ſo ſehr beruht, daß dieſe erſt der ganzen Zeit den unvertilgbaren Stempel edler Größe und einer wahren Klaſſicität aufgedrückt hat, ſo kann unmöglich unſer Dichter, zu deſſen Verehrung wir uns heute verſammelt haben, außerhalb dieſes mächtigen Einfluſſes ſtehen, ſo müſſen auch die Erzeugniſſe ſeiner Muſe die Signatur derſelben auf dem Boden des Alterthums wurzelnden Bildung tragen, die wir ſo unverkennbar in den Muſterwerken aller Koryphäen unſerer Literatur wiederfinden. Und in der That,


