Vortrag kommende Ode führt den Gedanken aus, daß Wirken, Arbeiten und Schaffen, das gemeinſame Loos, das allgemeine Geſetz für alle Sterblichen iſt, daß aber das handelnde Wirken, und wäre es das großartigſte, ſelbſt das der Könige, an Umfang und Dauer weit nachſteht hinter dem geiſtigen Wirken des Denkers und Dichters, deſſen Werk, wenn es ein wahrhaftes Kunſtgebilde iſt, immerdar und überall in unverwelklicher Friſche und mit ewig gleicher Kraft wirket. Und damit gewinnen wir ſicherlich einen erhebenden Blick in die Zukunft, auf die unbegrenzte Dauer der Geiſteswerke des Einen unſerer Denker und Dichter, deſſen rüſtiges Streben und Schaffen wir uns eben heute vergegenwärtigen wollen.
Hieran werden ſich dann noch andere von dieſen unvergänglichen Dichtungen Schillers reihen, aus der Fülle ſeiner mannigfaltigen Werke ſo gewählt, wie eben Ort und Zeit und die Befähigung der Schüler zur Auffaſſung und Darſtellung ſie geeignet erſcheinen ließen, um ſie hier zum Vortrag zu bringen. Und die Geſänge, welche gleichſam den Rahmen zu dieſen Vorträgen bilden, werden ſicherlich nicht ver⸗ fehlen, den Eindruck des Geſprochenen noch lebhafter, noch inniger zu machen.
So, verehrte Anweſende, ſo, meine theuern Zöglinge, werden wir unſern großen vaterländiſchen Dichter bei der heutigen Säkularfeier ſeiner Geburt auf eine ſeiner und unſerer würdige Weiſe ehren: indem wir uns möglichſt Vieles von dem Trefflichen und Edlen, womit Schiller's unermüdlich reger Geiſt unſere Literatur bereichert hat, vergegenwärtigen, und indem wir dabei uns das energiſche und andauernde Streben, das ihm zu dem Ruhme verhalf, heute der Gegenſtand der gemeinſamen Bewunde⸗ rung von ganz Deutſchland, ja aller auf dem ganzen Erdenrunde lebender gebildeter Deutſchen zu ſein, zu einem Antriebe zur Nacheiferung bei unſerm eigenen Streben dienen laſſen, zu einem Muſter, um auch unſererſeits, jeder in ſeiner Sphäre und auf dem ihm angewieſenen Standpunkte, immer nur nach Edlem, nach dem Guten im Verein mit dem Schönen, mit Kraft und Ausdauer zu ſtreben.
Feſtrede, gehalten von Oberlehrer Hemmerling.
Indem ich in dieſer feſtlichen Stunde das Wort ergreife, um dem innigen Antheile, den unſere Schule an dem heutigen, für unſer ganzes Vaterland ſo bedeutungsvollen Tage nimmt, auch im Namen des Lehrerkollegiums Ausdruck zu geben, kann es nicht meine Abſicht ſein, die unſchätzbaren Verdienſte des großen Dichters, deſſen Andenken wir heute in dankbarer Erinnerung feiern, vollſtändig zu erörtern, alle die mannigfachen Beziehungen, wodurch der Lieblingsdichter unſerer Nation dem Herzen eines jeden Deutſchen und beſonders der Jugend ſo nahe ſteht, auch nur einigermaßen erſchöpfend darzuſtellen. Es hieße tauſend Mal Geſagtes noch einmal ſagen, wenn ich alle die edlen Eigenſchaften, durch welche Schiller als Menſch und Dichter ſo groß daſteht, der Reihe nach anführen und an ſeinem Leben und Wirken nachweiſen wollte. Nachdem Ihnen verſchiedene Proben ſeiner eigenen Werke vorgeführt worden ſind, die beſſer für ſeine Dichtergröße ſprechen, als dies der beredteſte Vortrag zu thun vermag, und nachdem Ihnen Göthe's unvergleichlicher Epilog in blühender Dichterſprache vor die Seele geführt, was Schiller ihm war und der Welt geworden iſt, möge es genügen, nur einige ſeiner Hauptvorzüge hier anzuführen, zu erinnern an die energiſche Charakterſtärke dieſes muthvollſten aller Dichter, an ſeinen hohen ſittlichen Ernſt, an ſeine ächte Humanität, an ſein dem Wahren, Guten und Schöͤnen gleichmäßig zugewandtes Intereſſe, an ſein ſanft und zart organiſirtes Gemüth, an ſeine hohe Begeiſterung für die Idee der fort. ſchreitenden Veredlung unſeres Geſchlechtes, an ſeine ideale Welt. und Lebensanſchauung, um uns zu vergegenwärtigen, daß Schiller wahrlich die Ruhmeskränze verdient, die heute überall in Deutſchland um ſeinen Namen gewunden werden.
Geſtatten Sie mir vielmehr, aus dem reichen Stoffe, den ſein Leben und Wirken der Betrachtung darbietet, nur einen Punkt hervorzuheben und zwar einen ſolchen, der in nächſter Beziehung zur Schule ſteht und zu den Zwecken, die wir auf ihr verfolgen; vielleicht darf ich hoffen, daß er, wie nicht ohne Belehrung für die uns anvertraute Jugend, ſo auch nicht ohne Intereſſe für alle Diejenigen ſein wird, denen die theuerſten Güter unſerer Nation, denen namentlich die Bildung und Geſittung der Jugend am Herzen liegt; es iſt die Frage, welche Einwirkung das Studium des klaſſiſchen Alter. thums auf den Entwicklungsgang Schillers gehabt habe.


