Aufsatz 
Bericht über die Schillerfeier des Gymnasiums zu Neuss
Entstehung
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wie ſeiner Lage nach, ſo auch geiſtig die Mitte, das Herz Europa's zu ſein; und dieſen Beruf erfüllt es durch die Werke ſeiner Denker und Dichter; und unter dieſen, ſo denken wir hinzu, iſt gegenwärtig noch der erſte und wirkungsreichſte Schiller. Zur weiteren Veranſchaulichung dieſes Gedankens wird dann noch eine Ode Klopſtock' folgen, des Dichters, der gewiſſermaaßen gigantiſch einherſchreitet am Eingange der neuern Blütheperiode unſerer Literatur, und der, wie auf alle unſere mit und nach ihm lebenden Dichter, ſo auch auf Schiller nachweislich einen gewaltigen Einfluß geübt hat. Deſſen hier nun zum

Ueberſinnlichen. In ſeiner reinen Seele ſpiegelte ſich nur das Edelſte der wirklichen Welt ab; das Sinnliche, Unwürdige, Gemeine hat er gehaßt und von ſich abgewieſen. Aber ſein Idealismus iſt nicht ein träumender; derſelbe ſcheidet ihn nicht von dem wirklichen Leben; vielmehr rankt ſich in ſeiner Dichtung, um einen eigenen Ausdruck von ihm anzu⸗ wenden, das Edle und Treffliche mit ſeinen Thaten an das Leben an, und er verklärt das Wirkliche zum Idealen.

S. 6.Dem Jünglinge ziemt die Richtung auf das Ideal: iſt die Jugend nicht dem Ideal zugewandt, ja ſchwärmt ſie nicht ſogar für daſſelbe; ſo geht das Leben nur zu leicht in der Materie unter, das Geſchlecht läuft Gefahr in eine ſittliche Erniedrigung zu verſinken, und wenn die Jugend es iſt, auf welcher die Hoffnung für die Zukunft beruht, ſo geht dann auch dieſe Hoffnung zu Grunde, weil der Fortſchritt der Geſittung nur durch das Streben nach dem Ideal gedeihen kann, wenn letzteres auch nur das Endziel und das Schlußglied, ja ſogar ein jenſeits liegendes Schlußglied einer unendlichen Reihe iſt, welchem die Menſchheit ſich nähern ſoll, ohne es vollkommen zu erreichen. Schiller iſt der Dichter des Ideals, und hat er bei ſeinem Auftreten allerdings auch die älteren Zeitgenoſſen mächtig angeregt, ſo hat er doch ganz beſonders die Jugend ſeiner Zeit begeiſtert, anfänglich durch die Kraft und Kühnheit ſeiner erſten Erzeugniſſe, die noch des Maaßes und der ächten Kunſtform entbehrten, dann durch die Tiefe des Gefühls und die Idealität, für welche die Jugend eben vorzüglich empfänglich ſein ſoll und ihr edlerer Theil auch in der Regel empfänglich iſt.

S. 8. Es wird auch geſtattet ſein, noch ein anderes zu berühren, was die Iugend mit unſerem Dichterhelden verknüpft, und was auch eine weſentliche Seite des Ideals iſt. Schiller athmete den Geiſt der Freiheit in einer Zeit, da ihre Morgenröthe im deutſchen Vaterlande noch nicht angebrochen war, und die Liebe zur Freiheit, der ächten, iſt mit der Vaterlandsliebe eng verbunden, wo nicht mit ihr einerlei. Gerade in den Jahren, in welchen Sie, geliebte akademiſche Mitbürger, Ihre Univerſitätsſtudien zu beginnen pflegen, brach in ihm der Freiheitsdrang aus, damals noch ſtürmiſch und ungemäßigt; aber in edelſter Geſtalt hat er ſpäter ſortwährend das ſittliche Princip der geiſtigen und politiſchen Freiheit verkündet, und derMißbrauch raſender Thoren machte ihn nicht irre an dem Grundſatz, daß der Menſch frei geſchaffen und frei ſei, und wäre er in Ketten geboren. Eben dieſer begeiſterte Freiheitsſinn in ſeiner Reinheit und Idealität, fern von Zügelloſigkeit, Umwälzungswuth und vorzeitigem Hervordrängen, hat ihm die akademiſche Jugend jederzeit befreundet, und mit demſelben die verwandte Vaterlandsliebe, die nur den Freien zukommt.

Treffenden Nachweis, wie in Schiller's Geiſt der hier von Böckh ſo meiſterlich, kurz und genau, charakteriſirte Freiheits⸗Enthuſiasmus, entzündet wurde, der als Hauptmotiv und als Grundidee bald mehr bald minder handgreiflich alle Dichtungen Schiller s durchdringt, ſinden wir in Göthe's Selbſtbiographie(Aus meinem Leben 3. Theil, 12. Buch, Ausg. v. 1840 Bd. 22, S. 106 flg.), wo Göthe die Begeiſterung ſchildert, die in allen ſtrebſamen Köpfen jener Zeit das von Klopſtock erweckte Nationalgefühl erregte; eine wahrhafte Sucht, wovon Göthe ſelbſt ſich, wie er ſagt, durch Abfaſſung ſeinesGoͤtz von Berlichingen zu befreien ſtrebte. Schiller s iſt hierbei allerdings nicht gedacht; aber die Zeit⸗ verhältniſſe wie alle ſonſtigen Umſtände ſühren von ſelbſt darauf, die Stelle auch auf Schiller's Jugenddichtungen zu beziehen. Da die Stelle auch um deßwillen ſehr beachtenswerth iſt, weil darin mit einem kräftigen Zuge vor den Verirrungen gewarnt wird, zu welchen in Friedenszeit das gehobene Nationalgefühl die ſtrebſame Jugend überhaupt gar leicht ver⸗ leitet und wovor namentlich auch unſere Schuljugend bei etwaiger Lektüre der früheren Dichtungen Sciiller's nicht leicht genugſam gewarnt werden kann: ſo wird es vergönnt ſein, Göthe's eigene Worte hier zu wiederholen:Durch die Hermanusſchlacht und die Zueignung derſelben au Joſeph den zweiten hatte Klopſtock eine wunderbare Anregung gegeben. Die Deutſchen, die ſich vom Druck der Römer befreiten, waren herrlich und mächtig dargeſtellt, und dieſes Bild gar wohl geeignet, das Selbſtgefühl der Nation zu erwecken. Weil aber im Frieden der Patriotismus nur darin beſteht, daß jeder vor ſeiner Thür kehre, ſeines Amts warte, auch ſeine Lection lerne, damit es wohl im Hauſe ſtehe, ſo fand das von Klopſtock erregte Vaterlandsgefühl keinen Gegenſtand, an dem es ſich hätte üben können. Friedrich hatte die Ehre eines Theils der Deutſchen gegen eine verbundene Welt gerettet, und es war jedem Gliede der Nation erlaubt, durch Beifall und Verehrung dieſes großen Fürſten Theil an ſeinem Siege zu nehmen; aber wo denn nun hin mit jenem erregten kriegeriſchen Trotzgefühl? Welche Richtung ſollte es nehmen, und welche Wirkung hervor⸗ bringen? Zuerſt war es bloß poetiſche Form, und die nachher ſo oft geſcholtenen, ja lächerlich gefundenen Bardenlieder häuften ſich durch dieſen Trieb, durch dieſen Anſtoß. Keine äußeren Feinde waren zu bekämpfen; nun bildete man ſich Tyrannen, und dazu mußten die Fürſten und ihre Diener die Geſtalten erſt im Allgemeinen, ſodann nach und nach im Beſondern hergeben. Cs iſt merkwürdig, Gedichte aus jener Zeit zu ſehen, die ganz in einem Sinne geſchrieben ſind, wodurch alles Obere, es ſei nun monarchiſch oder ariſtokratiſch, aufgehoben wird.