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Schluſſe mit Wehmuth bei dem Gedanken verweilt wird, wie die neuere Zeit ſo ſehr der Empfänglich⸗ keit für die Gebilde der ächten Dichtkunſt entbehrt, und woher es komme, daß eine wahre Volkspoeſie, eine das ganze Volk in allen ſeinen Schichten ergreifende Dichtung, jetzt kaum mehr möglich ſei. Damit aber hat Schiller über ſein Volè und über ſeine und unſere Zeit nicht ganz richtig geurtheilt; wenigſtens rückſichtlich ſeiner eigenen Dichtungen. An denen hat ſich nicht bewährt, was der Dichter hier im All⸗ gemeinen, mit Bezug auf alle Gebilde neuerer Poeſie, ausſpricht, und was er in einem andern vortreff⸗ lichen Liede„Abſchied vom Leſer“ bei Herausgabe einer Sammlung ſeiner vermiſchten Gedichte mit ſo liebenswürdiger Beſcheidenheit von ſeinen eigenen Poeſien ſagt:
„Nicht länger wollen dieſe Lieder leben, als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut;
„Zur fernen Nachwelt wollen ſie nicht ſchweben; ſie tönten, ſie verhallen in der Zeit.“
Nicht ſind ſie verhallt; noch tönen ſie, noch leben ſie im Munde, noch hallen ſie wieder im Her⸗ zen, wie an dieſer Stätte, ſo durch alle Gaue Deutſchlands, ja, in fremde Zungen übertragen, auch durch ganz Europa, durch die ganze gebildete Welt.*) Dieſen Gedanken aber, den Schiller zu faſſen zu beſchei⸗ den war, wollen wir im vollen Schmucke der Dichtung, und im Vollgefühle edelſter patriotiſcher Be⸗ geiſterung einen andern unſerer trefflichſten Sänger uns veranſchaulichen laſſen, den Grafen Fr. L. von Stolberg in der Ode„Deutſchland's Beruf“. Deutſchland, ſo iſt Stolberg's Gedanke, hat den Beruf,
*) In wiefern Schiller's Dichtungen als der Volkspoeſie angehörig zu betrachten ſind, als aus dem der deut⸗ ſchen Nation eigenthümlichen Geiſte hervorgegangen und an denſelben gerichtet, das Denken und Streben der Nation erhebend und veredelnd, findet ſich auf eine unübertreffliche Weiſe ausgeführt von dem Koryphäen und gegenwärtigen Neſtor unter den Philologen unſeres Vaterlandes, dem Geheimen Regierungs⸗Rathe Dr. A. Böckh in einer Anſprache, welche derſelbe als Rektor der Univerſität zu Berlin zur Einleitung der dortigen Schiller⸗Feier am 11. November 1859 gehalten hat. Dieſe Anſprache iſt durch den Druck veröffentlicht und, wie ſonſtige akademiſche Gelegenheitsſchriften, bereits in den Beſitz ſämmtlicher höheren Lehranſtalten gelangt. Der Zweck des hochverehrten Redners wird aber ſccherlich noch in höherem Maaße erreicht, wenn das Eine und Andere von dem, was er zu der akademiſchen Ingend in Berlin geſpro⸗ chen, mit ſeinen eigenen Worten auch der ſtudirenden Jugend in weiterem Kreiſe zur Beherzigung anheim gegeben wird. Wir glauben daher kein Bedenken tragen zu dürfen, als Erläuterung und zur weiteren Begründung des bei der hieſigen Feier von Lehrern Vorgetragenen Einiges aus Böckhh's Anſprache hier beizufügen.
„Wenn nun“, ſagt der Redner im Verfolg ſeiner Argumentation,(S. 5)„die Poeſie wie die Wiſſenſchaft eine Wohlthat für das ganze menſchliche Geſchlecht und ſomit weltbürgerlicher Natur iſt, ſo iſt ſie darum nicht dem Vater⸗ ländiſchen und Volksthümlichen entfremdet. Auch der größte Philoſoph und Künſtler oder Dichter kann ſich dem Einfluß des Volksgeiſtes nicht entziehen; ja gerade diejenige Poeſie pflegt man ſeit langer Zeit als die lebendigſte anzuſehen, die aus dem Volke ſelbſt hervorgegangen iſt, und die man daher Volkspoeſie genannt hat. In ihrer unvollkommenen Geſtalt lege ich dieſer, ich geſtehe es offen, nicht den hohen Werth bei, den ihr viele zuſchreiben; aber iſt in der Dichtung das Volksmäßige mit dem Künſtleriſchen gepaart, ſo iſt ſie die edelſte und kräftigſte Erſcheinung: ſie iſt mit der Philoſophie zuſammen der Volksgeiſt ſelbſt, von den Gebildetſten und Erleuchtetſten ins Bewußtſein gefaßt, ſoweit der Poeſie Bewußt⸗ ſein zukommt, was der Schiller'ſchen wie der Sophokleiſchen gewiß zukommt, und zwar der geläuterte, von allen Schlacken gereinigte Volksgeiſt. In dieſem Sinne pflegt man die älteſte gebildete Poeſie, die Homeriſche, als ein Erzeugniß des geſammten Helleniſchen Volks zu bezeichnen und ihr auch darum einen vorzüglichen Werth beizulegen. Es iſt ein Glück für ein Volk, wenn es einen Dichter hat, der den Volksgeiſt und das Schönſte und Tieſſte deſſelben in ſeinen Werken darſtellt, und ein Glück für den Dichter, wenn das Volk in ihm den eigenen Geiſt und Sinn veredelt und verklärt wieder⸗ findet, wie die Hellenen im Homer. Ein ſolcher Dichter wird ſich der größten Anerkennung und der groͤßten Einwirkung erfreuen. Wie ſchwer es nun allerdings iſt, den Geiſt eines Volkes, zumal eines ſo zerriſſenen und zerſplitterten wie die Deulſchen, bis zur Klarheit des Begriffes zu faſſen und in wenigen Worten zu beſtimmen, ſo ſcheint es doch zugeſtanden, daß dem deutſchen Geiſte vorzüglich die Innerlichkeit und der Idealismus zugeſchrieben werden müſſen; und gerade durch Beides iſt der Gefeierte vorzüglich ausgezeichnet. Es iſt nicht ſowohl die vollendetſte Objektivität und antike Geſtalten⸗ bildung, ſondern die edelſte Subjektivität, das Herz, das Gemüth, die Empfindung, die uns aus ſeinen Dichtungen anſpricht: bei allem iſt ſein ganzes volles Herz. In dieſer Stimmung kommt er dem deutſchen Volksgeiſte entgegen; durch ſie hat er ſich auch die beſondere Neigung des zarteren Geſchlechtes erworben: denn das innere Gefühlsleben iſt der ſchönſte Schmuck edler Deutſcher Frauen, ihre ächt Germaniſche Mitgift der Natur, gegenüber dem fremden Tand, und das Deutſche Weib, welches von Urzeiten ber in dem Germaniſchen Leben eine würdigere Stellung eingenommen hat, darf bei der Auffaſſung unſeres Volksgeiſtes nicht vergeſſen werden. Feruer, daß die Richtung unſeres Dichters durchaus die ideale iſt, wem ſollte man das, was von aller Mund ertönt, erſt beweiſen wollen? Er atbmete im Aetherduft des Ueber⸗ ſinnlichen und leitet uns zu dieſem hinüber; der letzte Zweck der Kunſt iſt ihm, wie er ſelber ſagt, die Darſtellung des
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