faſſung, in dieſem Gottesbewußtſein alles Streben nach Tugend und nach ſittlicher Freiheit, als der hier auf Erden erreichbaren höchſten Vollendung, wurzeln muß; das ſollen uns die eigenen Worte des Dich⸗ ters, wie ſie ſogleich von dem erſten der auftretenden Schüler werden vorgetragen werden, klar machen.—
Haben wir ſo einen ſittlich⸗religiöſen Grund für unſere Feier, fuͤr unſre, Schiller'n als Dichter nicht nur, ſondern auch als Menſch gezollte Verehrung, gewonnen: ſo können wir den gewaltigen Dichter. geiſt durch einige ſeiner herrlichſten Schöpfungen zu uns reden, uns für ſeine Ideale begeiſtern laſſen. Das ſoll zuerſt durch die vortreffliche Allegorie„Die Theilung der Erde“ geſchehen, worin uns der Dichter ſo ſinnreich das innerſte Weſen des gottbegeiſterten Sängers veranſchaulicht; ſodann durch die kurze, aber gehaltreiche Elegie„Die Sänger der Vorwelt“, worin die Wirkung der Poeſie, als Volks⸗ und Natur⸗ dichtung, auf ganze Völker, und die Wechſelbeziehung zwiſchen Dichter und Volk uns dargeſtellt und am
rott machte, das Ungenügende dieſer Humanitätsrichtung erkannt worden.“— Was der geiſtreiche, vernunftſtarke, aber nicht glaubensfeſte, oder, wie er ſich ſelber lieber bezeichnet ſehen möchte, nicht abergläubiſche, Kritiker weiterhin, im unmittelbaren Anſchluß an dieſe auch von uns getheilte Anſicht über die Schiefheit der Grundrichtung ſelbſt in Schiller's vollendetſten Dichtungen, zum Tadel der nach Schiller eingetretenen Richtungen in der deutſchen Poeſie äußert, können wir nur in ſofern billigen, als allerdings die Zielpunkte und die Ergebniſſe dieſer neueren Richtungen auch uns als mit den von Schmidt hervorgehobenen Mängeln behaftet erſcheinen; den Spott und Hohn dagegen, womit derſelbe auf die Beweggründe, auf die anregenden Momente der weiteren dichteriſchen Beſtrebungen hinweiſt, müſſen wir, wenigſtens was die Zurückwendung auf eine poſitive Glaubensgrundlage betrifft, mit Verachtung und mit entſchiedener Mißbilligung abweiſen. Ein Dante, ein Petrarca, ein Calderon, ein Camoens, ein Corneille, ein Racine haben auch an ihrem Katechis⸗ mus feſtgehalten; und dieſer ihr Glaube hinderte ſie nicht, Dichtwerke zu ſchaffen, vermöge deren ſie noch jetzt der Stolz ihrer Nation, ja ein bleibender Ruhm für die Menſchheit ſind. Unſer junges Denutſchland ſcheint ſich gar gründlich eman⸗ cipirt zu haben und des altväteriſchen Weſens völlig losgeworden zu ſein. Keine Spur dort mehr von der Tugend, gegen deren Uebermaaß noch Klopſtock ſo entſchieden warnen zu müſſen glaubte:„Sei nicht allzu gerecht“(Ode:„Mein Vaterland“ 1768.) Nicht bloß was das Ausland bringt, wird geringſchätzig bei Seite gelaſſen, wenn es nicht den Stempel des modernen Vernunfteultus trägt; mehr noch verachtet man und begeifert das Einheimiſche, wenn der Boden, auf dem es entſproſſen, nicht mit der gleichen Beize gedüngt iſt, wenn das Gemüth des Dichters noch durch etwas, was die Ver⸗ nunft nicht zu ergründen vermag, und dadurch gerade am ſchwungvollſten, gehoben wird. Eine genauere Prüfung, meinen wir, würde auch eine gerechtere Schätzung, nicht bloß der Dichter und ihrer Werke, ſondern auch der Menſchen und ihres Thuns und Laſſens, zur Folge haben. Aber die lautere Prüfung ſetzt voraus, daß man ſich auf den Standpunkt, auf den Ausgangspunkt und in die Gedankenſphäre des zu Prüfenden zu ſetzen vermöge. Wie aber wäre zu erwarten, daß Solche, welchen Negiren und Proteſtiren gegen jedwedes unverrückliche Glaubensſyſtem gleichſam wie ein Lebensprincip mit der Muttermilch eingefleiſcht iſt, weiterhin, bei ausſchließlichem Cultus der reinen Vernunft, ſich geneigt und bereitwillig finden ſollten, das von Kindesbeinen an Verabſcheute mit der Sanftmuth und Milde des Auges anzublicken, ohne welche die richtige Schätzung von Angefeindetem nimmermehr möglich iſt!— Nach dieſem Vorbehalte hinſichtlich des beiderſeitigen Standpunkts in religiöſer Beziehung können wir in unſerem Excerpte fortfahren, natürlich mit Weglaſſung alles deſſen, was uns widerlich und für die Jugend, zumal die katholiſche, nicht geeignet erſcheint.
S. 465.„Der echte Stoff des Dichters iſt derjenige, der uns verwandt und unſerer ſittlichen Bildung ver⸗ ſtändlich iſt, der zur Läuterung derſelben beiträgt und dem Dichter Gelegenheit gibt, echten und ewigen Lebensgehalt zu entwickeln. Die Poeſie ſoll uns den Blick in die Tiefen des Lebens eröffnen.— Was echt menſchlichen Lebensgehalt
entwickelt, fördert auch das nationale Bewußtſein, läutert auch das religiöſe Gefühl.“— 3 S. 466.„Schiller hat in der That vom Anfang ſeines Lebens mit ſchweren Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt, aber durch die Kraft ſeines Geiſtes hat er ſie nicht nur überwunden, ſondern jede Ueberwindung hat die Kraft und den Adel ſeines Geiſtes geſtärkt. Wenn man ſeine Erſcheinung heraufbeſchwört, ſo geſchehe es nicht, um ein Klage⸗ lied anzuſtimmen; er weiſt vielmehr auf eine ſchönere Zukunft hin. Was ihm unter ungünſtigen, ja unter verkommenden Zuſtänden gelang, wird eine verwandte Kraft in beſſeren Zeiten glänzender ausführen. Aber nur dann wird dieſe beſſere Zeit kommen, wenn die Dichter nach ſeinem Vorbild ſich ernſtlich und unabläſſig bemühen, das Bild der idealen Menſch⸗ heit, durch das ſie ihr Zeitalter reinigen wollen, erſt in ihrem Innern herzuſtellen. Die geniale Liederlichkeit hat ihre Periode gehabt; wahrhaft ſchöpferiſche, der Weltgeſchichte angehörende Geſtalten ſind nur diejenigen geweſen, die den ſitt⸗ lichen Kern ihres Volks und ihres Zeitalters zu ergreifen und zu vergeiſtigen verſtanden.“
Wir ſchließen unſern Auszug aus Julian Schmidt' Feſtgabe mit dem trefflichen Schlußſatze der Vorrede:„Das Ideal iſt kein Feind der Wirklichkeit; nicht den Stoff zu vertilgen, ihn zu erobern für das Reich des Ideals, ihn zu läutern durch das Feuer des Geiſtes, iſt der Beruf der Dichtkunſt. Wenn Schiller dieſe Wahrheit in ſeinen Gedanken wie in ſeinen Verſuchen zuweilen verkannte, ſo hat er in den Werken, die ihn unſterblich machen, ſelbſt den ſchönen Beweis geführt, daß, was aus dem echten Quell des Lebens geſchöpft iſt, die Macht beſitzt, die Lebendigen zu zwingen.“


