Aufsatz 
Bericht über die Schillerfeier des Gymnasiums zu Neuss
Entstehung
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epiſchen, wie die größeren dramatiſchen, als auf einer rein ſittlichen und innig religiöſen Grundlage beruhend anſehen laſſen dürfen. Bei unſerer Bewunderung und Verehrung für Schiller müſſen wir alſo eine Sonderung eintreten laſſen. Unſere Bewunderung mag immerhin dem ganzen Schiller gelten; aber unſere Verehrung gilt nicht dem Karlsſchüler, nicht dem Schiller in Mannheim, nicht dem Verfaſſer der Räuber und des Fiesko; unſere Bewunderung und Verehrung kann nur dem Schiller in Weimar, in ſeinen zwölf letzten Lebensjahren gelten, dem in ſeinem Streben und Dichten geläuterten und maaß⸗ haltenden Schiller.*) Wie nun der Dichter ſelber ſich die Gottheit als den Urquell und das End⸗ ziel aller menſchlichen, und damit auch aller künſtleriſchen Wirkſamkeit denkt, und wie, nach ſeiner Auf⸗

*) Zur Veranſchaulichung unſeres vorſtehenden Gedaukens, ſowie zur Erläuterung und Begründung noch anderer Punkte, die in der kurzen Anſprache ſich nur andentungsweiſe berühren ließen, fügen wir hier einige Bemerkungen über dieſe Gegenſtände bei, entlehnt aus einer Schrift, welche in gleicher Weiſe, wie Vorliegendes, ihren Urſprung der Feier des 10. November verdankt, nämlich aus Julian Schmidt's Schiller und ſeine Zeitgenoſſen. Eine Gabe für den 10. November 1859.(Ceipzig, Herbig, 1859.) Das Werk wird wohl noch nicht in den Händen von vielen unſerer Leſer ſein. Jedoch auch wer daſſelbe ſchon geleſen, wie jeder, der die geiſtreiche Manier des Verfaſſers kennt, wird ſich nur freuen, ein paar von den gelungeneren Ausführungen des gründlichen Forſchers und eleganten Darſtellers moderner Cultur⸗ verhältniſſe hier wieder zu leſen:

460.Schiller war kein abſtrakter Tugendſpiegel, kein einſeitiger Patriot, kein blinder Freiheitsenthuſiaſt; er hat, ehe er das wurde, was er war, mit ſchweren Verirrungen zu kämpfen gehabt; er hat in ſeinen Anſichten über die weſentlichſten Glaubenspunkte häufiger gewechſelt als ſein großer Freund, und ihn vom Anfang ſeines Lebens bis zum Schluß deſſelben als Vorbild aufzuſtellen, würde ein gewagtes Unternehmen ſein. Aber er war mehr als das, was ſeine Partei von ihm ausſagt, er war eine echt lebendige, ſtarke und gewaltige Natur, die gleich den griechiſchen Heroen ſich immer ſtärkte und läuterte durch die Ungeheuer, die ein ſcheinbarer Unſtern ihr zu bekämpfen gab; er war nicht bloß ein liebenswürdiger Idealiſt, ſondern ein großer Dichter, deſſen Größe freilich nicht da liegt, wo man ſie gewöhnlich ſucht.

Den Dichter von dem Menſchen zu ſcheiden, als ob der Lebensgehalt des einen von dem, was der andere hervorbringt, wirklich verſchieden ſein könnte, iſt ein falſches Vorurtheil. Welchen Reichthum ihm auch die Sinne zu⸗ führen, den wahren Gehalt kann der Dichter nur aus ſeinem Buſen ſchöpfen. Nur bei einer unvollſtändigen Kenntniß entſteht der Anſchein, als ob die beiden Erſcheinungen kein weſentliches Verhältniß zu einander haben könnten. Göthes und Schiller's Dichtungen finden wir ganz in ihrem Leben wieder, und der Eindruck, den ihre Perſönlichkeiten auf ihre Zeitgenoſſen machten, entſpricht demjenigen, den ihre Dichtungen in uns hervorgerufen.

Göthe's Dichtung wird eigentlich nur verſtanden, wo ihr bereits eine gewiſſe Innigkeit des Gemüths entgegen⸗ kommt. Sie entdeckt uns die innern Geheimniſſe des Herzens, und dieſe haben nur für denjenigen Reiz, der bereits Aehn⸗ liches durchgemacht. Göthe wird von den Inſpirationen der Natur beſtimmt und darum iſt ſeine letzte Weisheit die Reſiguation, denn wer wollte gegen die ewige Nothwendigkeit ankämpfen! Schiller dagegen ſetzt der Naturgewalt einen beſtimmten Willen entgegen und ſeine Dichtungen fallen unter das Schema der Freiheit. Für ein kräftig aufſtrebendes Geſchlecht wird ſeine Weiſe immer die anregendere ſein. 3

S. 463.In Schiller's Leben, auch in den wildeſten Perioden, empfindet man immer den guten und edlen Menſchen heraus. Von der früheſten Zeit ging Schiller ganz in ſeinem Beruf auf, zum Theil freilich durch äußere Umſtände gezwungen, aber die Hauptſache war doch der innere Trieb, raſtlos zu ſchaffen. Jede Höhe, die er erreichte, galt ihm nur als Vorſtufe zu einem weitern Schritt und war ihm bald verächtlich. Goͤthe hat ſehr ernſthaft an ſich ſtudirt und gearbeitet, und doch herrſcht auch in ſeiner Arbeit eine gewiſſe Bequemlichkeit. Es klingt ſtark, wenn man ſagt, daß ſeine Arbeit nur ein Spiel war, aber es verhält ſich in der That ſo. Bei Schiller dagegen iſt der innigſte Zuſammenhang. Philoſophie, Geſchichte, Dichtkunſt greifen in einander, er ſucht in der einen die Zwecke, in der andern die Stoffe für ſeinen Beruf, und ſein Beruf war, die echte Humauität zur Darſtellung zu bringen. Cs iſt ein mäßiges Lob, wenn man Schiller den tugendhaften, den ſittlichen Dichter nennt, aber einen Sinn hat es doch, denn wir fühlen heraus, daß er ſein ſittliches Bewußtſein ſich erkämpft, es mit Freiheit ſich erworben hat.

Schiller's Leben geht ganz in ſein Schaffen auf, und der hohe Ernſt, mit dem er daſſelbe betrieb, dieſer Ernſt war es, der die Nation ihm zuführte, der ihm Göthes Bewunderung, endlich Göthe's Freundſchaft erwarb. Es war ein ſchweres Unglück, daß gerade in dem Angenblicke, wo er ſein Gemüth völlig geläutert, jene Kraukheit eintrat, die ſeine Kräfte aufrieb. 1.

Daß ſeine Erſcheinung für die Geſchichte unſerer Literatur entſcheidend war, iſt bekannt. Nachdem ſeine Sturm⸗ und Drangperiode im Don Carlos und in den Göttern Griechenlands ihr Ende erreicht, war ſein Streben, das durch eine falſche Cultur geſtörte Ideal der Menſchheit mittelſt der Kunſt wieder herzuſtellen, die Kunſt zu dieſem Beruf durch ſpekulative und hiſtoriſche Studien zu kräftigen und in ihr gleichſam den Erſatz jener Religion zu finden, die einſt das griechiſche Leben verklärt hatte. Es iſt in ſpäterer Zeit, da das Weltbürgerthum in den franzöſiſchen Kriegen Bante⸗