Aufsatz 
Bericht über die Schillerfeier des Gymnasiums zu Neuss
Entstehung
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ehrte Anweſende, Alles, was mit dieſem Grundtone unſeres Erziehungsgeſchäftes nicht im Einklange ſteht, haben wir, die Lehrer dieſer Anſtalt, die heilige Pflicht, den Augen und Ohren unſerer Zöglinge zu ent⸗ rücken; am wenigſten dürften wir Solches als einen Gegenſtand der Bewunderung und Verehrung ihnen vorhalten. Und doch, in der That, des Unlauteren, des Verfänglichen für das noch ungereifte Urtheil, für die noch ungeregelte Phantaſie der Jugend, gibt es ſo gar Mancherlei ſelbſt in den Schriften der geprieſenſten und in vielen Beziehungen höchſt preiswürdigen Dichter und Denker, daß es in der That ſehr großer Behutſamkeit bedarf, um in dieſem Betrachte der Pflicht zu genügen. Aber um des Miß⸗ brauches willen, der ſich von einer Sache machen läßt, um der Mängel willen, womit dieſes und jenes Gebilde der Kunſt behaftet iſt, muß doch eine Sache, wenn ſie an ſich gut iſt, nicht außer Gebrauch geſetzt, muß die Kunſt überhaupt nicht gering geſchätzt, nicht verächtlich bei Seite geſetzt werden. Nein, die Kunſt überhaupt, und insbeſondere auch die Dichtkunſt, dürfen wir, theure Zöglinge, Euch bei jeder Gelegenheit als etwas Edles vorhalten, dürfen für deren klaſſiſche Werke Eure Theilnahme in Anſpruch nehmen, dürfen, ja müſſen Euch, je weiter Ihr an Alter und Kenntniſſen vorrücket, ein immer ernſteres und eindringlicheres Studium derſelben anempfehlen. Denn des wahren Künſtlers gediegene, als klaſſiſch, als in ihrer Gattung muſter⸗ giltig anzuerkennende Werke ſtehen, wie alle ächte Kunſt ſelbſt, auf dem Fundamente der Religion, auf dem Grunde eines wahren und innigen Gottesbewußtſeins, des Bewußtſeins, daß die höchſten Ideale der Forſchung und Dichtung, das ewig Wahre, das höchſte Gute und das höchſte Schöne, mit menſchlichen Kräften nimmer zu erreichen ſind, daß der Menſch weder mit ſeiner Vernunft noch mit ſeiner Einbildungs⸗ kraft die Wahrheit je vollkommen zu erfaſſen, die Schönheit je in ihrer vollen Pracht darzuſtellen im Stande iſt, daß auch der begabteſte Geiſt nach dieſen Idealen nur ſtreben kann, daß er in allem ſeinem Streben der Hebung ſeiner natürlichen Kräfte durch eine höhere Macht bedarf, und daß bei dieſem Streben ſeiner Vernunft und ſeiner Einbildungskraft gewiſſe Schranken gezogen ſind, die er einhalten, innerhalb deren er ſich mäßigen muß, wenn nicht ſein Gebilde das Gegentheil von dem, was wir wahr⸗ haft ſchön und edel nennen, werden ſoll; oder wie es unſer Dichter ſelber ausdrückt:

Verſcherzt iſt dem Menſchen des Lebens Frucht, So lange er wähnt, daß dem ird'ſchen Verſtand Die Wahrheit je wird erſcheinen. Ihren Schleier hebt keine ſterbliche Hand, Wir können nur rathen und meinen;

was mit beſonderer Beziehung auf das Streben und Wirken des Dichters, Schiller's gleich großer Ge⸗

noſſe, Göthe, alſo ausdrückt: 4 Vergebens werden ungebund'ne Geiſter Nach der Vollendung reiner Höhe ſtreben. In der Beſchränkung zeigt ſich erſt der Meiſter;

Und das Geſetz nur kann uns Freiheit geben.

Dieſes Maaßhalten aber, dieſe Unterordnung des eigenen Willens, des eigenen Denkens und Dichtens unter ein höheres Gebot, dieſes Bewußtſein von der Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit auch des reinſten Strebens gegenüber dem unendlich Höchſten, der zugleich das unendlich Gute und das unend. lich Schöne iſt, kurz dieſes Gottesbewußtſein ſpricht ſich allerdings auch nicht in allen Dichtungen Schiller's aus. Namentlich ſind die dramatiſchen Stücke ſeiner früheren Dichterperiode, aus ſeinen zwan⸗ ziger Lebensjahren, als unreife Früchte einer überſpannten, noch ungeregelten Phantaſie anzuſehen; wofür dieſelben, ſelbſt den Don Carlos noch mit eingeſchloſſen, nicht nur von entſchiedenen Gegnern, ſondern von den beſten Freunden und den geiſtvollſten Verehrern Schiller's ſelber erklärt werden. Wohl ſprach ſich in dieſen Arbeiten ſeiner Jugend und ſeiner erſten Mannesperiode ſchon ſein entſchieden großes Dichter⸗ talent aus, eine außerordentliche Naturanlage; die jedoch, um auch nur in äſthetiſcher, in rein künſtleriſcher Hinſicht zu genügen, der Mäßigung durch das Studium der Kunſt, durch Welt. und Lebenserfahrung bedurfte. Und dieſe Mäßigung ward unſerm Dichter in zehn Jahren angeſtrengter hiſtoriſcher und philo⸗ ſophiſcher Studien, ſowie durch den Umgang mit einer Anzahl gleichſtrrbender Männer, zu Theil: ſo daß ſeine dichteriſchen Leiſtungen ſeit dem Jahre 1795 ſich wohl ſämmtlich, ſowohl die kleineren lyriſchen und