1.
Deklamationsſtücke konnte es der Anſtalt nicht fehlen. Es bedurfte nur einer ſorgſamen Auswahl des Geeignetſten unter einer Menge bereits eingeübter Dichtungen und Geſänge, ſowie einer paſſenden Anord⸗ nung des Ganzen. Daß die getroffene Auswahl und Anoednung, wie ſolche das weiterhin folgende Programm der Feier überſichtlich darſtellt, eine dem Zwecke entſprechende geweſen, dafür darf den Anord⸗ nern des Feſtes als ein genügender Beweis der ungetheilte Beifall gelten, womit der zahlreiche auserleſene Zuhörerkreis die Vorträge aufnahm. Noch als auf eine beſondere Anerkennung aber und Genugthuung für ihre auf dieſe Feſtlichkeit verwendete Bemühung darf die Anſtalt darauf hinweiſen, daß das Gymna⸗ ſial⸗Curatorium bereitwilligſt der Direktion die Mittel zur Verfügung ſtellte, um eine der Zahl der Schü⸗ ler, welche Vorträge gehalten oder Sologeſänge vorgetragen hatten, entſprechende Anzahl von Exemplaren der beſten Dichtungen Schiller's anzukaufen und durch deren Widmung den thätig bei der Feier Bethei⸗ ligten eine bleibende Erinnerung an das ſchöne Feſt zu gewähren.
Von einer mit ſolcher Theilnahme aufgenommenen Feſtfeier darf es der Anſtalt wohl geſtattet ſein, in ihren Annalen einen ausführlicheren Bericht niederzulegen. So iſt es denn für angemeſſen befunden worden, an dieſer Stelle, wo ſonſt eine wiſſenſchaftliche Abhandlung von dem Streben und Wirken der Lehrer Zeugniß ablegt, durch die vorliegende Darſtellung eine dauernde Erinnerung zu be⸗ gründen an ein Ereigniß, wobei ſich thatſächlich, und, wenn auch nur im beſchränkten Sinne, im Lichte der Oeffentlichkeit, Angeſichts eines competenten Hörerkreiſes, eine der edleren Seiten des die Geſammt⸗ heit, Lernende wie Lehrende, beſeelenden Geiſtes bekundet hat. Den thätig Mitwirkenden, ebenſo wie denen, welche nur durch ihre freudige Theilnahme zur Erhöhung der Feier beigetragen, kann die Erinnerung ſicherlich nur eine angenehme ſein. Aber auch für Fernſtehende, ja auch für Manche der Anſtalt bis jetzt mehr oder minder Fremdgebliebene, zumal ſolche, welche,— von dem Vorurtheile befangen, als ob die Jugendbildung in allen ihren Zweigen nur das praktiſch Nützliche, das zur unmittelbaren Verwendung im Leben Dienliche, umfaſſen müſſe,— Zweck und Ziel der Gymnaſien überhaupt nicht richtig zu würdigen vermögen, wird es nicht ohne Intereſſe, und bei Letzteren vielleicht auch zur Berichtigung irriger Vor⸗ ſtellungen dienlich ſein, wenn ſie aus dem hier Mitgetheilten, gleichſam wie aus einer Probe, den Geiſt wahrnehmen, der bei den Beſtrebungen der Anſtalt vorherrſcht, entnehmen, wie und mit welchen Mitteln die Anſtalt bei Erfüllung ihres Berufes zu Werke geht: wie das Gymnaſium, wenn es zunächſt auch und zumeiſt die geiſtigen Kräfte ſeiner Zöglinge für das Studium abgeſtorbener Sprachen, für die Er⸗ kenntniß einer verſchwundenen Welt in Anſpruch nimmt, dieſe Beſchäftigung mit dem Alterthum, mit dem griechiſchen und römiſchen Heidenthum, doch keineswegs als ſeinen eigentlichen Zweck verfolgt; daß viel⸗ mehr die Gymnaſtik des Geiſtes, die hier geübt wird, das Erfaſſen fremder Sprachen, und zwar der aus⸗ gebildetſten unter denſelben, das Ergründen der Denk. und Darſtellungsweiſe der geiſtig und ſittlich her⸗ vorragendſten unter den Denkern und Dichtern jener fernen Zeiträume, kurz das Verſenken des Geiſtes und Gemuͤthes in entſchwundene Größe und Herrlichkeit, nur als ein Mittel dient, und als das durch die Erfahrung von Jahrhunderten als das beſte erprobte Mittel feſtgehalten wird, um dem Geiſte der Jugend die gehörige Richtung, ihrem Gemüthe die erſprießlichſte Nahrung zu verleihen, damit ſie nach Edlem auf tüchtige Weiſe ſtreben lerne, damit ſie befähigt werde, auch das Edle und Große, was die Gegenwart in Wort und That darbietet, richtig zu faſſen und mit Leichtigkeit zu ſondern von dem Niedrigen und Gemeinen.
Was anerkanntermaaßen der Kern des Strebens bei dem Manne war, auf deſſen erſprießliches Wirken für die Gegenwart und für alle Zukunft ſeines Volkes die ſtudirende Jugend hinzuweiſen der Hauptzweck dieſer Schulfeier ſein mußte, die Richtung auf das Ideal, ergibt ſich ſo in gewiſſem Sinne auch als der innerſte Kern aller echten Jugendbildung. Dieſen nahrhaften und ſüßen Kern zu gewin⸗ nen, bedarf es aber eines mühevollen Strebens, bedarf es, ſo zu ſagen, eines langen und oftmals bittern Nagens an der harten und herben Rinde. Denn im geiſtigen wie im ſittlichen Streben gilt immerdar, bei Chriſtgläubigen nicht minder wie bei jedem aufrichtigen Gottesbekenntniſſe, was der heidniſche Dichter als eine Grundlage des Glückes mit den Worten bezeichnet: 16„G 110400g, dra rdy⁴ν οl εοl. „Alles Bittere wird zum ſüßen Trank der Lippe des Weiſen“; wie daſſelbe, mit etwas verſchiedener Be⸗ ziehung, der chriſtliche Dichter ausdrückt(Balde, nach Herder's Ueberſetzung, in„Lebensregeln an einen


